{"id":306,"date":"2017-07-12T14:00:44","date_gmt":"2017-07-12T12:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/?p=306"},"modified":"2017-09-09T11:57:08","modified_gmt":"2017-09-09T09:57:08","slug":"10-7-2017-tagungsbericht-falsche-prinzessinnen-scharlatane-und-selbsternannte-experten-hochstapler-in-neuzeitlichen-gesellschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/306","title":{"rendered":"Tagungsbericht: Falsche Prinzessinnen, Scharlatane und selbsternannte Experten. Hochstapler in neuzeitlichen Gesellschaften"},"content":{"rendered":"<p><strong>Internationale Tagung anl\u00e4sslich des 3. Alumnitreffens des Herzog-Ernst Stipendienprogramms der Fritz-Thyssen-Stiftung<\/strong><\/p>\n<h4><strong>Er\u00f6ffnungsvortrag ( 10.7.2017)<\/strong><\/h4>\n<h3>Irina Podgorny: Scharlatan-Netzwerke: Die unglaubliche Geschichte von der einf\u00e4ltigen Sultanin Deldir und ihrem Commandatore Bennati<\/h3>\n<p>Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez setzte S\u00fcdamerikas Scharlatanen in seinem Roman <em>Hundert Jahre Einsamkeit<\/em> ein wunderbares Denkmal. Sie brachten Wissen in entlegenste Regionen des Kontinents, und sie verf\u00fchrten mit diesem Wissen. Das Ph\u00e4nomen ist von Europa indes nicht wegzudenken, wie Irina Podgorny in ihrer Schicht um Schicht tiefer dringenden Ergr\u00fcndung des reisenden Arztes und Gr\u00fcnders eines Wandermuseums Guido Bennati offenlegte. Ihr Protagonist, der sich in eigenen Publikationen jedes Verdachts der Scharlatanerie zu entheben hoffte, geizte nicht mit Zeugnissen seines Renommees, und er konnte dabei europ\u00e4ische Referenzen aufweisen, die der Nachpr\u00fcfung durchaus standhalten, dabei jedoch nicht immer auch schon an wissenschaftlicher Seriosit\u00e4t gewinnen: Manche gro\u00dfartig klingende Mitgliedschaft lie\u00df sich in Form eines abgelegten Ordens auf einem Markt erwerben. Manches Empfehlungsschreiben war ein wohlklingendes Gef\u00e4lligkeitswerk. Der Scharlatan entwickelte Z\u00fcge eines Typus und eines eigenen zeittypisches Berufs, der sich in den verschiedenen Nationen des 19. Jahrhunderts eigener Modalit\u00e4ten des Seri\u00f6sen und Respektablen bediente. Die Reiset\u00e4tigkeit und das Netzwerken kommen ebenso hinzu wie eine innovative Nutzung der Presse. Quacksalber und Marktschreier, die mit Geschicklichkeiten und vermeintlichen Geheimnissen aufwarteten, waren an dieser Stelle Teil eines tieferen europ\u00e4ischen Traditionsgef\u00fcges.<\/p>\n<p>Geht man den F\u00e4den nach, er\u00f6ffnen sich Netzwerke des Halbseidenen. So erwarb Bennati die Mitgliedschaft in einem Orden, den eine \u201efalsche\u201c indische Prinzessin gr\u00fcndete, die man wohl aus heutiger Sicht ebenso als Hochstaplerin bezeichnen k\u00f6nnte. Das Exotische macht Geschmack, schafft \u00d6ffentlichkeit und entzieht sich der Verifikation. Die so genannte Sultanin Alina Deldir wurde angeblich als junges M\u00e4dchen von Indien nach Frankreich entf\u00fchrt und dort von Marie Antoinette und K\u00f6nig Ludwig XVI. aufgezogen. Um sich auch nach der Franz\u00f6sischen Revolution zu finanzieren, f\u00e4lschte sie Diplome und Auszeichnungen und gr\u00fcndete einen Orden, dessen Medaillen sich noch nach ihrem Tod als intellektuelle Schmuckst\u00fccke erwerben lie\u00dfen. Mit diesem Renommee lie\u00df sich agieren. Bennati gr\u00fcndete noch ein Krankenhaus in Argentinien und erlangte im Verlauf eine Approbation als Arzt in Bolivien.<\/p>\n<p>Bildreich wies Irina Podgorny nach, dass das Leben der Scharlatane sich auf einer Parallelebene des Wissens abspielte, ohne dass die Unterscheidung zwischen \u201eFacts\u201c und \u201eFiction\u201c immer klar w\u00fcrde. Scharlatane trugen ma\u00dfgeblich zur Popularisierung der Wissenschaften bei. Sie machten gesellschaftliche Spielregeln des wissenschaftlichen Renommees sichtbar. Den Scharlatan als Gegner der Wissenschaften zu diffamieren, d\u00fcrfte daher eine verk\u00fcrzte Wahrnehmung sein. Scharlatane dringen zwar in die Welt der Gelehrten ein, doch verlaufen die Grenzen zur Seriosit\u00e4t gerade in der historischen Perspektive flie\u00dfend. Scharlatane waren immer wieder L\u00fcgner, doch gleichzeitig Agenten der Zirkulation der Dinge und des Wissens. Ihre \u00d6ffentlichkeit war innovativ. Sie drangen in Medien ein und \u00fcberschritten dabei regelm\u00e4\u00dfig Grenzen hinein in Grauzonen der Seriosit\u00e4t \u2013 in T\u00e4uschungsman\u00f6vern, doch nicht minder in einer ganz offenen Feier des Spektakul\u00e4r-Dubiosen.<\/p>\n<p>(ft, os)<\/p>\n<p>Irina Podgorny: <a href=\"http:\/\/books.openedition.org\/obp\/2253\">A charlatan\u2019s album: cartes-de-visite from Bolivia, Argentina and Paraguay (1860-1880)<\/a>.<\/p>\n<h4>11.7.2017<\/h4>\n<h3>Markus Meumann, Iris Schr\u00f6der: Einf\u00fchrung in das Tagungsthema<\/h3>\n<p>Mit einigen aktuellen Gedanken zum Ph\u00e4nomen der Hochstapelei f\u00fchrte Markus Meumann eingangs zum Tagungsthema hin. Gibt man bei Google den Begriff \u201eHochstapler\u201c ein, erzielt man ca. 816.000 Treffer. Wenig \u00fcberraschend wird der Begriff dabei in sehr vielen verschiedenen Bedeutungen und Kontexten verwendet. Beispielsweise genie\u00dft der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg wegen der Plagiatsvorw\u00fcrfe zu seiner Dissertation den Ruf, ein Hochstapler zu sein. Dabei war sein Titel zun\u00e4chst ja rechtm\u00e4\u00dfig erworben, der Vorwurf der Hochstapelei d\u00fcrfte daher eher im Zusammenhang mit Guttenbergs glamour\u00f6sem Auftreten und seinem Politikstil stehen. Auch der amtierende US-Pr\u00e4sident Donald Trump wird immer wieder der Hochstapelei bezichtigt, wof\u00fcr ebenfalls weniger das Vorgeben einer falschen Identit\u00e4t als sein Auftreten und der rasche Wechsel seiner Ansichten verantwortlich sein d\u00fcrften. Was macht also einen Hochstapler aus? Neben dem Vorspiegeln von Tatsachen und der Usurpation einer falschen Identit\u00e4t seien, so Meumann, offensichtlich auch das Flamboyante und das Unechte konstitutiv f\u00fcr die Klassifizierung als Hochstapler.<\/p>\n<p>Im Folgenden schlug Meumann vor, das historische Ph\u00e4nomen analog zum Tagungstitel anhand von drei verschiedenen historischen Kategorien von Hochstaplern zu operationalisieren. Erstens diejenigen, die als falsche Prinzessinnen, Prinzen und Adlige einfach einen h\u00f6heren Stand vort\u00e4uschten. Zweitens Scharlatane, die vorgaben, \u00fcber besonderes Wissen zu verf\u00fcgen, und daher oft und gerne in der Rolle von \u00c4rzten, aber in der Fr\u00fchen Neuzeit auch als Magier oder Alchemisten auftraten. Drittens schlie\u00dflich die selbsternannten Experten, die, etwa als Reisende in einem exotischen Kontext, sich dadurch auszeichneten, vorgegebenes Wissen als ihr eigenes zu deklarieren, und insofern als die &#8222;moderne&#8220; Variante des Scharlatans erscheinen.<\/p>\n<p>Iris Schr\u00f6der betonte im Anschluss daran, dass Hochstapelei in immer neue, sich ver\u00e4ndernde Narrative eingebunden war. Weitere Merkmale der Hochstapelei seien die damit verbundene Mobilit\u00e4t der Akteure und die Einbindung des Hochstapelns in allt\u00e4gliche Wissenspraktiken, wobei die Akzeptanz dieser Praktiken auf beiden Seiten vorhanden sein musste. Entscheidend f\u00fcr die Hochstapelei sei nicht, was jemand wirklich tue, sondern das, was er zu tun behaupte und was ihm geglaubt werde.<\/p>\n<h4>Sektion 1: Hochstapelei als soziale, politische und intellektuelle Praxis in der fr\u00fchen Neuzeit<\/h4>\n<h3>Marie Ryantov\u00e1: Der Exulant Georg Hol\u00edk: Dominikaner, Konvertit, Prediger, G\u00e4rtner \u2013 und auch Hochstapler?<\/h3>\n<p>Vor der Folie der konfessionellen Spaltungen des 17. Jahrhunderts stellte Marie Ryantov\u00e1 die intellektuelle Biographie des gelehrten Konvertiten und Predigers Georg Hol\u00edk dar. Hineingeboren in eine nichtkatholische Familie und nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg zwangsweise rekatholisiert, war Hol\u00edk als junger Dominikanerm\u00f6nch zun\u00e4chst in Br\u00fcnn und Pilsen t\u00e4tig, bevor er 1665 wiederum konvertierte und nach Zittau auswanderte, wo man ihn anfangs wegen seiner katholischen Vergangenheit f\u00fcr einen Spitzel hielt. Schlie\u00dflich landete er 1669 wie viele Exilanten aus der Lausitz in Magdeburg und wurde Prediger im Ort Barby. Zu dieser Zeit ver\u00f6ffentlichte er in Wittenberg sein Werk <em>F\u00fcnffacher Geistlicher Spiegel<\/em>, das vielen Lutheranern als zu katholisch erschien. Nach Konflikten mit dem s\u00e4chsischen Herzog reiste er mit seiner Familie nach Schweden. Dort ver\u00f6ffentlichte er 1672 die von Johannes Scheffer ins Schwedische \u00fcbersetzte Schrift <em>Behmisk klage-gr<\/em><em>\u1ea3t.<\/em> 1673 brachte Holik die beiden Schriften <em>Blutige Thr\u00e4nen des hochbedr\u00e4ngten B\u00f6hmerlands <\/em>und <em>P\u00e4bstliche Gei\u00dfel<\/em> heraus, die beide verfolgte b\u00f6hmische Protestanten als M\u00e4rtyrer stilisierten. Die 1680er Jahre markierten eine weitere abrupte Wende in Hol\u00edks Biographie. Er zog ein weiteres Mal um, nach Ostpreu\u00dfen, und residierte erst in K\u00f6nigsberg und sp\u00e4ter in Riga. Hier widmete er sich der G\u00e4rtnert\u00e4tigkeit und gab 1684 sein erstes wichtiges Werk zum Gartenbau heraus. Es folgten weitere Schriften zum gleichen Gegenstand, die das ganze 18. Jahrhundert hindurch immer wieder neu aufgelegt wurden. Hol\u00edks Lebenslauf wirft zahlreiche Fragen auf. Neben der Frage nach der Rolle seines \u201eUnterwegsseins\u201c f\u00fcr sein Werk spielte in der Diskussion Hol\u00edks unvermittelte Wandlung zum Autor von Gartenb\u00fcchern eine Rolle. Dabei waren finanzielle Aspekte nicht zu untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<h3>Reinhard Markner: <em>Ein paar Tr\u00f6pflein aus dem Brunnen der Wahrheit <\/em>(1781)<em>. <\/em>Eine Schrift gegen Cagliostro und ihre Autoren<\/h3>\n<figure id=\"attachment_504\" aria-describedby=\"caption-attachment-504\" style=\"width: 2400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-504\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/A_Masonic_anecdote_Alessandro_Count_of_Cagliostro_Giuseppe_Balsamo_by_James_Gillray.jpg\" alt=\"\" width=\"2400\" height=\"2707\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/A_Masonic_anecdote_Alessandro_Count_of_Cagliostro_Giuseppe_Balsamo_by_James_Gillray.jpg 2400w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/A_Masonic_anecdote_Alessandro_Count_of_Cagliostro_Giuseppe_Balsamo_by_James_Gillray-266x300.jpg 266w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/A_Masonic_anecdote_Alessandro_Count_of_Cagliostro_Giuseppe_Balsamo_by_James_Gillray-768x866.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/A_Masonic_anecdote_Alessandro_Count_of_Cagliostro_Giuseppe_Balsamo_by_James_Gillray-908x1024.jpg 908w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-504\" class=\"wp-caption-text\">A Masonic anecdote: Alessandro, Count of Cagliostro, by James Gillray (1786)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Reinhard Markners Vortrag besch\u00e4ftigte sich mit der 1781 anonym und am Publikationsort \u201eAm Vorgebirge\u201c erschienenen Schrift <em>Ein paar Tr\u00f6pflein aus dem Brunnen der Wahrheit, <\/em>die einen Angriff auf die Figur des Cagliostro, Scharlatan und gleichzeitig hochrangiges Mitglied der Freimaurer, in Briefform enthielt. Dass es sich bei dem anonymen Autor dieser Schrift um den Braunschweiger Freimaurer Johann Joachim Christoph Bode handelte, ist einer Schrift der Adligen Elisa von der Recke (1754-1833) zu entnehmen, die darin Bodes Angriff auf Cagliostro guthie\u00df. Bode distanzierte sich anfangs nicht von dieser Zuschreibung und best\u00e4tigte seine Autorschaft sp\u00e4ter in einem Brief an Friedrich Nicolai. Die weitere zentrale Figur im Zusammenhang mit dem Text war Ernst Traugott von Kortum (1742-1811). Kortum hatte Bode bereits in Wolfenb\u00fcttel getroffen, bevor dieser seinen Text ver\u00f6ffentlicht hatte, und die weitreichenden Beobachtungen von Cagliostros Wundertaten auf dessen Reisen durch Europa von Warschau bis Stra\u00dfburg stammten haupts\u00e4chlich von ihm. Dies sowie die Tatsache, dass Kortum Bode dazu erm\u00e4chtigt hatte, den Text herauszugeben, wenn auch anonym, ist aus den Korrespondenzen der beiden zu rekonstruieren. Kortum war des Weiteren davon \u00fcberzeugt, dass sich hinter Cagliostro der Freimaurer Gottlieb Franz von Gugumos verbarg, konnte das aber nicht beweisen. Bode und Kortum ging es bei der Aufdeckung von Cagliostros wahrer Identit\u00e4t jedoch mehr um seine Mitgliedschaft bei den Freimaurern als um eine Anklage seiner Scharlatanerie an sich. In der anschlie\u00dfenden Diskussion kam zur Sprache, dass die Freimaurer Cagliostro entlarven wollten, weil sie schon vorher \u00e4hnliche Vorf\u00e4lle erlebt hatten, die in ihren Augen die Freimaurerei beschmutzt hatten. Weitere Fragen richteten sich an die wahre Identit\u00e4t und Intention Cagliostros, \u00fcber den \u00fcbrigens auch Goethe schrieb. Cagliostro war in Wirklichkeit ein Sizilianer und sein Name war nicht frei erfunden, sondern von einem Onkel \u00fcbernommen worden.<\/p>\n<h3>Pablo Toribio: Radical receptions of forgery: Martin Seidel, Annio da Viterbo and the last descendant of David<\/h3>\n<p>Im n\u00e4chsten Vortrag sprach Pablo Toribio \u00fcber den Heidelberger Theologen Martin Seidel und dessen Werk <em>Origo et fundamenta religionis christianae. <\/em>Seidel, der u. a. mit dem ber\u00fchmten italienischen Anti-Trinitarier Fausto Sozzini korrespondierte, stellte darin seinen heterodoxen Standpunkt zur Korruption des Christentums nach fr\u00fchchristlicher Zeit dar. Dar\u00fcber hinaus zeigte Seidel Christus lediglich als moralische, nicht g\u00f6ttliche Instanz. Toribio war daran interessiert, ob Seidels Text eine F\u00e4lschung aus dem 18. Jahrhundert sein k\u00f6nnte, widerlegte diese Annahme jedoch durch einen Brief von Martin Seidel, der seine theologische Pr\u00e4gung auf den mosaischen Dekalog zur\u00fcckf\u00fchrte. Dass Seidel dem Christentum trotzdem Betrug vorwarf, lie\u00df sich zur\u00fcckf\u00fchren auf seine Zweifel an dem Argument, dass Christus ein direkter Nachfahre K\u00f6nig Davids war. Das Problem dabei war, dass die einzige belastbare Quelle zu dieser Frage keine antike war, sondern Annius von Viterbos <em>Auctores vetustissimi sive Commentarii super auctores de antiquitate loquentibus <\/em>von 1498. Dass Annius\u2019 Text auf F\u00e4lschungen antiker Quellen beruhte, war bereits seit Anfang des 16. Jahrhunderts klar, trotzdem wurden seine \u201eAntiquit\u00e4ten\u201c weiter benutzt. Einer der antiken Autoren, die von Annius gef\u00e4lscht worden waren, war Philo von Alexandria. In der Interpretation von Annius war bei Philo die genealogische Linie von David \u00fcber die alttestamentarischen Figuren Zorobabel und Jannaeus bis hin zu Maria gezogen worden. Es scheint, dass Seidel diesen Irrtum \u00fcbernehmen musste, da es zu dieser Frage keine anderen antiken Quellen gab.<\/p>\n<p>Die Fragen bezogen sich auf das Umfeld der franz\u00f6sischen K\u00f6nige, die ihre Genealogie auch gerne bis zu K\u00f6nig David zur\u00fcckverfolgten. Weiterhin wurde die Rezeption von Seidels Werk thematisiert.<\/p>\n<h3>Bernhard Schirg: Convenient Discoveries \u2013 Forgeries of Manuscripts and Artifacts in the Service of the Swedish Empire (1650-1720)<\/h3>\n<figure id=\"attachment_501\" aria-describedby=\"caption-attachment-501\" style=\"width: 748px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-501\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Rudbeck_Atlantica.png\" alt=\"\" width=\"748\" height=\"1028\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Rudbeck_Atlantica.png 748w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Rudbeck_Atlantica-218x300.png 218w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Rudbeck_Atlantica-745x1024.png 745w\" sizes=\"(max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-501\" class=\"wp-caption-text\">Der Globus wird seziert und unter Schweden kommt das Land der G\u00f6tter zum Vorschein. Frontispiz zu Olof Rudbecks Atlantica (1677)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bernhard Schirg besprach in seinem Vortrag die Konstruktion der schwedischen Fr\u00fchgeschichte im Kontext nationaler Identit\u00e4tsbildung. Ausgehend von Olof Rudbecks <em>Atlantica <\/em>(4 B\u00e4nde: 1679-1702) wurde Schweden in dieser Tradition als antike Gro\u00dfmacht dargestellt. Rudbeck wollte mythologische Texte durch empirische Untersuchungen best\u00e4rken, wozu er materielle Quellen der schwedischen Antike wie astrologische Runenkalender oder Runensteine heranzog. Rudbeck interpretierte Zeichnungen eines heidnischen Tempels in Uppsala als Vorbild f\u00fcr klassische griechische Tempelbauten wie auch f\u00fcr den Tempel Salomos. In dieser \u201eTempeldebatte\u201c st\u00fctzte er sich auf die schwedische \u201eSilberbibel\u201c und darin auf die Stelle bei Johannes, an der der Tempel Salomos beschrieben wird. In seiner Lesart zog er eine Verbindung von dem Ortsnamen Uppsala und seiner linguistischen Herleitung von Up und Sal, was \u201eoffener Platz\u201c bedeutet, zu den Tempelzeichnungen. 1690 kam die Saga <em>Hjalmar och Ramers <\/em>heraus, welche auch im Konflikt Schwedens mit D\u00e4nemark um Island instrumentalisiert wurde. W\u00e4hrend der 1690er Jahre gab es mehrere Editionen dieses Werks, wobei eine Ausgabe von Lucas Halpap als F\u00e4lschung enttarnt wurde. Solche F\u00e4lschungen florierten im sp\u00e4ten 17. Jahrhundert um das nationale Narrativ zu unterstreichen. Beispiel daf\u00fcr ist eine Alabastervase mit Inschrift (Stockholm History Museum). Diese Vase, die als Teil einer antiken Festmahlkultur dargestellt wurde entpuppte sich jedoch als F\u00e4lschung. Die Inschrift darauf war modifiziert worden und die Vase selbst stammte aus dem 16. Jahrhundert und war als Kriegsbeute aus Italien nach Schweden verbracht worden. Auch antiquarische Beweismittel konnten also gef\u00e4lscht werden. In der Diskussionsrunde spielte u. a. das Titelblatt von Rudbecks <em>Atlantica <\/em>eine besondere Rolle. Darauf zu sehen ist ein Anatom, der anstatt eines menschlichen K\u00f6rpers eine Weltkugel seziert.<\/p>\n<p>(ke, rh)<\/p>\n<h4>Sektion 2: Fremde Potentaten oder betr\u00fcgerische Bettler? Exotische Hochstapler in der Fr\u00fchen Neuzeit<\/h4>\n<h3>Stefano Saracino: Griechisch-orthodoxe Almosenfahrer aus dem osmanischen Reich im Heiligen R\u00f6mischen Reich (1660-1740). Wissensquellen, Wohlt\u00e4ter, Betr\u00fcger<\/h3>\n<p>Anhand der Schrift von J.M. Heineccius <em>Eigentliche und wahrhafftige Abbildung der alten und neuen griechischen Kirche <\/em>(1711) machte Stefano Saracino eine dreifache Beschreibung griechischer Almosenfahrer aus dem osmanischen Reich sichtbar. Anhand verschiedener Beispiele konnte er aufzeigen, dass diese entweder als Wohlt\u00e4ter, Wissensvermittler oder Hochstapler, welche die Grenzen des Moralischen hinter sich lie\u00dfen, beschrieben wurden. Eine wichtige Quelle f\u00fcr diese Untersuchungen stellen Pa\u00dfantr\u00e4ge der Reisenden dar. Diese waren oft direkt von orthodoxen Patriarchen oder Kl\u00f6stern ausgesandt worden. Oft wendeten sie sich an F\u00fcrsten, um von diesen Geld oder Geschenke zu akquirieren, manchmal sogar im Austausch gegen historische Dokumente. Jakob El\u00dfners <em>Neueste Beschreibung derer Griechischen Christen in der T\u00fcrckey, aus glaubw\u00fcrdiger Erzehlung Herrn Athanasius Dorostamus <\/em>(1737) ist eine weitere Quelle zum Thema. Schilderungen wie diese berichteten nach Art eines \u201eSendschreibens\u201c an die europ\u00e4ischen protestantischen Kirchen in \u00fcbertriebener Art und Weise von der Unterdr\u00fcckung der orthodoxen Christen im osmanischen Reich. Almosenreisende waren meist keine gelehrten Personen, dennoch konnten sie oft zur Wissensvermittlung beitragen. In manchen F\u00e4llen wurden sie gar als \u201elebende W\u00f6rterb\u00fccher\u201c betrachtet und systematisch zu bestimmten theologischen Begriffen befragt. Ein Beispiel f\u00fcr diese Praxis ist das Werk des Gothaers J. H. Stuss <em>Observationes selectas de ecclesiae grecae sub imperio turcico, <\/em>das auf \u00c4hnlichkeiten zwischen orthodoxen und protestantischen Christen abzielte. Zum Anderen besa\u00dfen griechische Almosenfahrer aber oft den Nimbus des Hochstaplers. Als Beispiel daf\u00fcr nannte Saracino einen Artikel aus Wilhelm Ernst Tentzels <em>Monatlichen Unterredungen <\/em>(1693) \u00fcber den Besuch des Archimandriten Metrophanes Tzitzilianos am Gothaer Hof. Tentzel schilderte diesen darin als unbest\u00e4ndigen Zeitgenossen, der sowohl Lutheranern als auch Reformierten nach dem Mund redete. In der Diskussion kam die Rolle der interkulturellen Missverst\u00e4ndnisse und des Vertrauens in den Gespr\u00e4chssituationen zur Sprache.<\/p>\n<h3>Tobias M\u00f6rike: Der Prinz vom Berg Libanon \u2013 Die Reise des Spaada Habaisci (1725-1728) als Wissensgeschichte einer H\u00f6flichkeitsl\u00fcge<\/h3>\n<p>Passend zum Tagungsort spielte auch im Vortrag von Tobias M\u00f6rike \u00fcber den Prinzen vom Berg Libanon eine Begegnung am Gothaer Hof eine zentrale Rolle. Vom 11.-15. Februar 1725 hielt sich der Spaada Habaisci in Gotha auf. Dieser Aufenthalt war Teil einer Reise des Prinzen durch ganz Europa. Habaisci selber hinterlie\u00df von dieser Reise keine Selbstzeugnisse, M\u00f6rike konnte jedoch verschiedene Spuren rekonstruieren. Darunter Beglaubigungsschreiben aus Rom und Wien, die Habaiscis wahre Herkunft best\u00e4tigten sowie eine Gothaer Quelle, in der erw\u00e4hnt wurde, dass Habaisci w\u00e4hrend seines Aufenthaltes dort von dem Maler Schildbach portr\u00e4tiert wurde. Das Portr\u00e4t war jedoch seit 1733 verschollen. Es steht wohl au\u00dfer Frage, dass der Spaada Habaisci ein echter Prinz war, worauf seine weit ausgereiften Sprachkenntnisse und die hohe theologische Bildung hinweisen. Jedoch sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr seine Reise schwer zu enth\u00fcllen. Habaisci war zu seiner Zeit ein reisender Prinz unter vielen, wobei diese oft aus derselben maronitischen Familie im Libanon stammten. Davon zeugen verschiedene Ortsregister von M\u00fchlhausen in Th\u00fcringen bis London. Seit 1753 jedoch wurden derlei Reisen v. a. in Frankreich, aber auch in verschiedenen deutschen L\u00e4ndern immer st\u00e4rker sanktioniert und beschr\u00e4nkt. M\u00f6rike stellte die Rolle der reisenden Prinzen als Wissensvermittler in den Vordergrund. Manche von ihnen wurden auch bei Hofe als M\u00fcnz- und Sprachexperten zur Sammlungspflege oder Entzifferung arabischer Dichtkunst hinzugezogen. In der anschlie\u00dfenden Diskussion wurde auf den Organisationsgrad und die Netzwerkstrukturen der libanesischen Prinzen eingegangen.<\/p>\n<p>(ke, rh)<\/p>\n<h3>Lionel Laborie, Olaf Simons: The ressourceful Count de Linange: King of Madagaskar, Grand Admiral of the Theocracy and global trading strategist<\/h3>\n<figure id=\"attachment_500\" aria-describedby=\"caption-attachment-500\" style=\"width: 196px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-500\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/image_0017-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/image_0017-196x300.jpg 196w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/image_0017-768x1174.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/image_0017-670x1024.jpg 670w\" sizes=\"(max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-500\" class=\"wp-caption-text\">Vertrag mit dem T\u00fcrkischen Aga vom 8.12.1715: Plan eines Milit\u00e4rcoups zum Sturz des Papstes<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zuletzt sprachen Olaf Simons und Lionel Laborie \u00fcber zwei Personen, die Betr\u00fcgerei mit radikal religi\u00f6s-politischen Projekten verbanden. Einer davon, Philippe de Gentil, Marquis de Langallerie war hoher Milit\u00e4r in franz\u00f6sischen Diensten, der jedoch 1706 w\u00e4hrend des Spanischen Erbfolgekrieges nach Korruptionsvorw\u00fcrfen in habsburgische und wenig sp\u00e4ter s\u00e4chsische Dienste wechselte. Kurz wurde er in den Wirren des gro\u00dfen Nordischen Krieges Gouverneur von Litauen, bevor ihn erneut Korruptionsvorw\u00fcrfe einholten. Dramatischer Wendepunkt seiner Karriere wurde ein Versuch, in Kassel am Hof Unterst\u00fctzung zu gewinnen. Langalleries zweite, erheblich j\u00fcngere\u00a0 Frau wurde die M\u00e4tresse des Landgrafen, w\u00e4hrend Langallerie sich auf ein religi\u00f6ses Projekt ausrichtete: Europas an die Endzeit glaubende Kreise unter Juden und Protestanten zusammenzuziehen und den Papst zu st\u00fcrzen. Ein Hochstapler namens Mustafa Aga, ein Mann, der sich als der zum Christentum konvertierte Bruder des t\u00fcrkischen Sultans vorstellte, best\u00e4rkte Langallerie und begab sich mit ihm auf den Weg nach Amsterdam, wo es allerdings bald zum Bruch beider kam. Doch nahm nun ein weit interessanterer Mann die Position Mustafa Agas ein, der sich bald als Langalleries Neffe ausgab: Ein angeblicher Prince de Linange (Leiningen). Beide gr\u00fcndeten eine Organisation, die &#8211; halb religi\u00f6ser Orden, halb Aktiengesellschaft &#8211; den nun pr\u00e4zisierten Plan verfolgte, Madagaskar zum Standort einer Handelskompanie zu machen, die der holl\u00e4ndischen Ostindienkompanie Konkurrenz machen w\u00fcrde, und mit einer Flotte und einer Armee den Papst in Rom zu st\u00fcrzen. F\u00fcr den Plan lie\u00df sich im Dezember 1715 endlich das Ottomanische Reich gewinnen. Der in den Niederlanden weilende Botschafter unterzeichnete mit den mittlerweile drei H\u00e4uptern der sogenannten <em>Theokratie <\/em> den Plan f\u00fcr ein Sechsjahresprojekt, in dem die christlichen Vertragspartner weitgehende Befugnisse erlangen sollten. Langallerie wurde am 15. Juni in Stade, Linange am 30. Juni 1716 in Aurich verhaftet. Aus den Verh\u00f6rakten konnten zahlreiche Details \u00fcber das Vorhaben rekonstruiert werden. Im zweiten Teil des Vortrages warf Lionel Laborie neues Licht auf die Herkunft und den Lebenslauf von Linange vor seinem Zusammentreffen mit Langallerie in Amsterdam. Linanges akkumulierte Titel \u2013 er trat unter anderem als Ernest, Duke of Angelpont, Madagaskar, Ophir und Pheros auf \u2013 erwiesen sich dabei als ernstzunehmender Schl\u00fcssel zu seiner Herkunft. Linange stammte aus einer adeligen katholischen Familie und hatte schon in jungen Jahren Pl\u00e4ne verfolgt, eine hugenottische Teilrepublik in S\u00fcdfrankreich zu errichten. Laborie stellte neue Quellen zur Familiengeschichte Linanges vor und konnte zeigen, dass sich Linange bei der Konstruktion der eigenen Identit\u00e4t der Familie abhanden gekommener Titel und familieninterner Biographien bediente. In der Diskussion wurde die Frage nach dem Gr\u00f6\u00dfenwahn der beiden Protagonisten gestellt, der sich zum einen durch eine Logik der Hochstapelei, zum anderen aber auch durch millenaristische Denkweisen erkl\u00e4ren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>(ke, rh, os)<\/p>\n<h4>12.7.2017<\/h4>\n<h4><b>Sektion 3: Falsche Forscher, selbsternannte Entdecker und Scharlatane im 19. und 20. Jahrhundert<\/b><\/h4>\n<h3>Michael Pesek: Unter Verdacht. Das Verh\u00e4ltnis von Geografen und Forschungsreisenden im 19. Jahrhundert<\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Die dritte Sektion wandte sich der Aufdeckung von falschen Forschern, selbsternannten Entdeckern und Scharlatanen im 19. und 20. Jahrhundert zu. Michael Pesek referierte \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Geografen und Forschungsreisenden im 19. Jahrhundert. Ausgehend von einem 1885 erschienenen Leserbrief in <em>Petermanns Geografischen Mitteilungen<\/em>, in dem Gottlob Krause aus Tripoli die Echtheit eines dort abgedruckten Reiseberichtes durch Nordafrika bezweifelte, fragte Pesek nach M\u00f6glichkeiten der Hochstapelei in Zeiten der zunehmenden Verwissenschaftlichung der Geographie. Er stellte anhand von Krauses Nachforschungen dar, welche Argumente dieser verwendete, um die Echtheit des Berichtes in Frage zu stellen. Expeditionen stellten die wichtigste Form geografischer Wissensproduktion dar, die immer st\u00e4rker von der Empirie und dem Verst\u00e4ndnis der Geographie als Wissenschaft gepr\u00e4gt waren. Forschungsreisende wurden in geographischen Zeitschriften, besonders in <em>Petermanns<\/em> <em>Geographischen Mitteilungen<\/em>, \u201esensationalisiert\u201c und konnten zu Verm\u00f6gen kommen, was wiederholt Hochstapler anzog. Doch auch die Praxis wissenschaftlicher Erschlie\u00dfung europ\u00e4ischer Expeditionsreisender war, so Pesek, immer auch mit Spekulationen und waghalsigen Einsch\u00e4tzungen verbunden. Jenseits der bereisten Routen griffen die Expediteure auf lokales Wissen zur\u00fcck, das schwierig nachpr\u00fcfbar, unsicher und somit offen f\u00fcr Hochstapeleien war. Eine Disziplinierung der Forschungsreisenden setzte Anfang des 19. Jahrhunderts mit Reiseratgebern ein und ging in ein neues System aus Vorbereitungskursen, wissenschaftlichen Diskursen und der Etablierung von Universit\u00e4tsf\u00e4chern \u00fcber, sodass es ab 1890 immer schwerer wurde, Reisen und deren Ergebnisse vorzut\u00e4uschen.<\/p>\n<h3>Ines Eben von Racknitz: Die Erforschung der Erde in der Hochstapelei: Phantasiebericht und Wissenschaftlichkeit am Beispiel des Theodor Mundt-Lauff<\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\">Am Beispiel eines Fundes im Perthes-Archiv Gotha fragte Ines Eben von Racknitz, welche Strategien die neu entstehende akademische <i>community <\/i>des 19. Jahrhunderts verwendete, um Hochstapelei zu entlarven. Ernst Behm, wichtiger Mitarbeiter des Perthes-Verlags f\u00fcr <em>Petermanns Geographische Mitteilungen<\/em>, bezweifelte 1879 die Authentizit\u00e4t eines zur Ver\u00f6ffentlichung eingesandten Reiseberichtes von Theodor Mundt-Lauff \u00fcber Vulkan- und Inselbeschreibungen der Philippinen. Das Genre des Reiseberichtes erfuhr zu dieser Zeit, so Eben von Racknitz, eine sch\u00e4rfere Trennung zwischen Unterhaltung und Wissenschaftlichkeit. Mit der Ausdifferenzierung der universit\u00e4ren Disziplinen wie Geographie und Geologie war f\u00fcr unterhaltende Elemente kein Platz mehr; stattdessen wurden Experten nur noch dann anerkannt, wenn sie eine spezifische Ausbildung genossen hatten und sich aus Netzwerken wie Staats- und Milit\u00e4rdiensten sowie geografischen Forschungsgesellschaften rekrutierten. Sie entwickelten Methoden, um Wissen exklusiv zu erhalten. So schrieb Ernst Behm ihm bekannte Berliner Philippinenforscher an und fand seinen Verdacht best\u00e4tigt. Auf Grundlage dieser <i>peer review <\/i>lehnte Behm schlie\u00dflich eine Ver\u00f6ffentlichung ab. Eine selbsternannte Expertise wie die von Mundt-Lauff lie\u00df sich durch die neuen akademischen Standards und mittels der untereinander bestehenden Informationsnetzwerke und der zahlreichen Dokumentationen schnell entlarven.<\/p>\n<h3>Brice Kouakap Ndjeutcham: Vom Christentum zur Hochstapelei: Falsche Pfarrer und Propheten in Afrika im 20. Jahrhundert. Der Fall Kamerun<\/h3>\n<p>Brice Kouakap Ndjeutcham verhandelte anhand der heutigen Pfingstkirchenbewegung in Kamerun die Fragen, wie T\u00e4uschung von Pfingstkirchen eingesetzt wird und wie die kamerunische Gesellschaft auf Hochstapelei reagiert. Daf\u00fcr analysierte er diskursanalytisch zwei Dokumentationen \u00fcber selbsternannte Pfarrer und Propheten in der Bewegung. Etwa zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung in Kamerun sind Anh\u00e4nger der Pfingstkirchen. Oftmals waren die Mitglieder zuvor in der traditionellen Kirche aktiv, wandten sich jedoch aus Gr\u00fcnden wie Arbeitslosigkeit und Krankheit der Bewegung zu. Verbreitet ist der Glaube an \u00dcbernat\u00fcrlichkeit; Ungl\u00fcck wird als Ergebnis b\u00f6ser Geister gedeutet und Heil versprochen, wobei die Wunder nicht immer eintreten w\u00fcrden. Erscheinungsformen der Hochstapelei wie Betrug, Einmischung in die Angelegenheiten der Christen, finanzieller Druck auf die Mitglieder und die Selbsternennung zu Pfarrer, Prophet und Doktor ohne jede Ausbildung l\u00f6sten dabei unterschiedliche Reaktionen aus: Die Mitglieder der Bewegung n\u00e4hmen den Wohlstand ihrer \u201ePropheten\u201c nicht als Hinweis auf Korruption und Machtmissbrauch wahr, sondern s\u00e4hen darin eine Best\u00e4tigung der Kraft Gottes und der eigenen Hoffnung nach einem besseren Leben. Kritiker betrachteten die Protagonisten dagegen als Gesch\u00e4ftsleute und Diebe; die Regierung schlie\u00dfe gelegentlich in Reaktion auf Vorf\u00e4lle einzelne Kirchen. Dennoch gebe es innerhalb der Bewegung auch &#8222;gute&#8220; Pfingstkirchen, echte Pfarrer und ehrliche Propheten.<\/p>\n<p>(vb)<\/p>\n<h4><b>Sektion 4: Hochstapelei in Literatur und Theorie<\/b><\/h4>\n<h3>Tilman Venzl: (K)ein milit\u00e4rischer Hochstapler! Zu Carl Zuckmayers Hauptmann von K\u00f6penick<\/h3>\n<p>In der letzten Sektion zum Thema \u201eHochstapelei in Literatur und Theorie\u201c referierte Tilman Venzl anhand von Carl Zuckmayers 1931 erschienenem Theaterst\u00fcck \u201eDer Hauptmann von K\u00f6penick\u201c \u00fcber die Deutung der Hochstapelei in milit\u00e4rischer Uniform. Die tats\u00e4chliche Begebenheit des Hauptmanns von K\u00f6penick in Zeiten einer \u201eHochstaplermanie\u201c nahm Zuckmayer lediglich zum Anlass, um das \u201ewunderliche Schicksal eines armen Teufels\u201c im Kaiserreich zu erz\u00e4hlen. Als zweiten Protagonisten des St\u00fccks machte Venzl die Uniform aus, die vermenschlicht dargestellt wurde. Venzl ging der Frage nach, welche Rolle der viel diskutierte preu\u00dfische Militarismus in dem St\u00fcck spielt, das h\u00e4ufig als militarismuskritisch aufgefasst wird. Anders als es der Forschungsbegriff des Militarismus nahelegen w\u00fcrde, stelle dieser im Werk keine Gewaltinstitution dar, sondern wird als integraler, wichtiger Bestandteil der Gesellschaft gezeigt. Dicht an Zuckmayers Biographie bleibend, nach deren Aussage er das St\u00fcck auch unter dem Eindruck des Erstarkens der nationalsozialistischen Bewegung schrieb, sieht Venzl in dem Werk keine Satire auf den preu\u00dfischen Militarismus, sondern identifiziert einen Folkloremilitarismus, der die kriegerische Zweckbestimmung in der Zivilgesellschaft ausblendete. Daher verneinte Venzl auch die Frage, ob das St\u00fcck politisch sei. Zuckmayer gehe es vielmehr um den Versuch, das immanent Politische im Menschlichen zu zeigen und die Suche eines Menschen, nicht eines Straft\u00e4ters, nach seinem Platz in der Gesellschaft zu verfolgen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_550\" aria-describedby=\"caption-attachment-550\" style=\"width: 590px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-550\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/AKK\u00f6penick.jpg\" alt=\"\" width=\"590\" height=\"392\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/AKK\u00f6penick.jpg 590w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/AKK\u00f6penick-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 590px) 100vw, 590px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-550\" class=\"wp-caption-text\">Ansichtskarte zum Hauptmann von K\u00f6penick von 1906<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Iveta Leitane: Semiotischen Modelle der Hochstapelei aus der Sicht der Tartu-Schule<\/h3>\n<p>Iveta Leitane erprobte in ihrem Vortrag, wie sich die Kultursemiotik der Tartu Schule, die sich Ende des vergangenen Jahrhunderts im Umkreis Juri Lotmans formierte, f\u00fcr eine Konzeptualisierung des Ph\u00e4nomens der \u201eHochstapelei\u201c fruchtbar machen lie\u00dfe. Zu den Herausforderungen geh\u00f6rt dabei, dass hier ein Begriff der westeurop\u00e4ischen Sprachen kein direktes Pendent im Russischen und anderen slawischen Sprachen aufweist. Die Mitglieder des Kreises publizierten jedoch zu vergleichbaren Ph\u00e4nomenen. Leitanes Blick fiel hier auf \u00dcberlegungen zum Kartenspiel und zum \u201esamozvancestvo\u201c, dem Wahlverfahren des zaristischen Russlands, das Anfang des 16. Jahrhunderts, in den Wirren um die drei Pseudodimitri \u2013 von Polen in einem Akt der Hochstapelei lancierte \u201efalsche\u201c Thronerben \u2013, Anwendung fand.<\/p>\n<p>Leitanes \u00dcberlegungen galten zentral der Frage nach der Struktur, die Vergleichsf\u00e4lle in der Modellbildung aufweisen m\u00fcssten. Das gelingende Modell m\u00fcsse im komplexeren Raum konstelliert werden, so das methodologische Diktum. Im Anschluss daran sprach Leitane das Ph\u00e4nomen der Hochstapelei als eine systemimmanente M\u00f6glichkeit der Unbestimmtheit an, die, so ihre Forschungsdiagnose, insbesondere in Umbruchszeiten eine hohe Relevanz aufweise \u2013 eine Diagnose, die sie zur\u00fcckband an die Situation der Tartu-Schule selbst, die mitten im Systemzusammenbruch des sowjetischen Kommunismus ihre Erw\u00e4gungen zu umfassenden Bedeutungssystemen anstellte.<\/p>\n<p>(vb, os)<\/p>\n<hr \/>\n<p>Verfasser: ft = Franziska Turre, ke = Kirsten Eppler, os = Olaf Simons, rh = Robert Heindl, vb = Verena Bunkus<\/p>\n<p>Featured Image: Zeitgen\u00f6ssische Karikatur Guido Bennati mit den zwei Sch\u00e4deln Alahualpas &#8211; einmal als Kind und einmal als Erwachsener (1883)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Internationale Tagung anl\u00e4sslich des 3. 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