{"id":3624,"date":"2019-02-05T10:10:05","date_gmt":"2019-02-05T09:10:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/?p=3624"},"modified":"2019-02-05T12:13:38","modified_gmt":"2019-02-05T11:13:38","slug":"schlangenkoenigin-oder-schweinebacke-alles-gute-zum-neuen-jahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/3624","title":{"rendered":"Schlangenk\u00f6nigin und Schweinebacke &#8211; alles Gute zum neuen Jahr"},"content":{"rendered":"<p>Unter der \u00dcberschrift &#8222;Ans Licht gebracht&#8220; werden hier zuk\u00fcnftig in loser Folge einzelne Fundst\u00fccke aus unserer Arbeit zu &#8222;Gotha um 1800. Natur &#8211; Wissenschaft &#8211; Geschichte&#8220; pr\u00e4sentiert. Den Anfang macht eine tierische Entdeckung, mit der wir etwas versp\u00e4tet zum Jahresbeginn 2019, aber p\u00fcnktlich zum heute beginnenden Jahr des Schweins alle guten W\u00fcnsche verbinden!<\/p>\n<p>Im Zuge der Bearbeitung der\u00a0mineralogisch-geologischen Sammlung der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha stie\u00dfen wir k\u00fcrzlich auf zwei merkw\u00fcrdige Objekte, die so gar nicht mineralischen Ursprungs zu sein schienen. Dem beiliegenden Etikett nach sollte es sich um Pyrolusit (ein Weichmanganerz) handeln, doch diese Zuschreibung stellte sich schnell als Probenverwechslung heraus, die leider nicht selten vorkommt. Der zoologische Pr\u00e4parator Peter Mildner wusste hingegen Rat und identifizierte die St\u00fccke als Schweinez\u00e4hne. Doch was hatten diese in der mineralogischen Sammlung zu suchen?<\/p>\n<p>Das Lederfutteral, in dem einer der Z\u00e4hne verwahrt wird, deutete auf den ehemaligen Kunstkammer-Bestand hin, und tats\u00e4chlich fand die Mitarbeiterin im Editionsprojekt Historische Kunstkammerinventare, Agnes Strehlau, einen aufschlussreichen Hinweis im Verzeichnis von 1717:<\/p>\n<p><em>(fol. 173v)<br \/>\n109.\u00a0\u00a0\u00a0 Eine Schlangen Crone in einem schwartzen Futteral.<\/em><\/p>\n<p>Im Inventar von 1764 wird es dann noch etwas genauer:<\/p>\n<p><em>(fol. 167r)<br \/>\nEine Schlangen-Crone, No. 181.<br \/>\nEine dito in einem futteral.<\/em><\/p>\n<p>Zwei alte Schlangenkronen also! Wahrscheinlich kamen sie \u00fcber Herzog Friedrich I. in die Kunstkammer, der ein Freund alles Alchemischen und Magischen war. Der ber\u00fchmte Amsterdamer Sammler Albert Seba hatte in seinem Kabinett ebenfalls solche St\u00fccke, doch sprach er ihnen schon 1730 jede magische Wirkung ab, da er erkannte, dass es sich um Milchz\u00e4hne von Ferkeln handelt. Dessen ungeachtet konnte man noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der Hausv\u00e4terliteratur detaillierte Anweisungen dar\u00fcber lesen, wie man in den Besitz einer echten Schlangenkrone kommen k\u00f6nne:<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Schlange, die mit solchem Steine prangt, ist niemals allein, sondern wird, wie die K\u00f6nigin der Schlangen, jederzeit von anderen Schlangen bewachet und begleitet, also, da\u00df ihr nicht beyzukommen ist, jedoch k\u00f6nnte man ihn in folgender Weise erlangen: Man m\u00fc\u00dfte ein Geschirr haben von Erden, \u00fcberall durchl\u00f6chert, und in dieses eine lebendige Schlange thun, und auf einen starken Ameisenhaufen legen, da ohnweit davon ein Eichbaum stehet, auf welchem ein guter Sch\u00fctze seyn mu\u00df mit fixem Gescho\u00dfe. Wenn nun die Schlange in dem durchl\u00f6cherten Geschirr durch die h\u00e4ufig darein laufenden Ameisen gebissen wird, so pfeifet sie den anderen Schlangen um H\u00fclfe, die denn von allen Orten h\u00e4ufig herzu kommen, auch die K\u00f6nigin mit dem Steine, und andere gekr\u00f6nte Schlangen, da denn der Sch\u00fctz auf dem Baum nicht saumselig seyn mu\u00df, die K\u00f6nigin zu treffen. Sobald diese todt ist, machen sich die anderen Schlangen davon. Was die Schlangenkronen anbelanget, so ist kein Zweifel, da\u00df derer viel Gattungen sind; hingegen werden auch von den Landfahrern viel falsche herum getragen, die aus Schweinen-, Ochsen- und K\u00e4lberz\u00e4hnen gemacht sind. Von den rechten w\u00fc\u00dfte ich keine andere Tugend, als da\u00df sie wider den Gift dienen.&#8220;<\/em> (Anonym 1798: Zwey hundert vier und siebzig bew\u00e4hrte Geheimnisse oder allerhand magische, spagyrische, sympathetische, antipathetische und \u00f6konomische Kunstst\u00fccke, Altona und Leipzig 1798, S. 64-65).<\/p>\n<p>Die zwei Milchz\u00e4hne vom Schwein haben nun eine Erkl\u00e4rung gefunden. Doch wie schade ist es, dass in Gotha nur die falschen Schlangen- bzw. Zahnkronen vorhanden sind, wurden solchen Dingen doch <em>\u201eunbeschreibliche Tugenden\u201c<\/em> zugeschrieben, <em>\u201ewider die Gespenster, die Zauberey und Sch\u00e4tze zu entdecken, auch wo sehr reiche Bergwerke sind\u201c<\/em> (ebd., S. 64)!<\/p>\n<p>In der geologischen Sammlung befinden sich noch weitere, auf den ersten Blick unscheinbare St\u00fccke, denen man seinerzeit besondere Eigenschaften zuschrieb. Adler-, Stern- und Klappersteine oder die hochwirksame <em>terra sigillata<\/em> sind nur einige von ihnen. Eine nicht unbedeutende Anzahl von geschliffenen Steinen geh\u00f6rt ebenfalls in diese Kategorie der magischen Objekte. Doch das Wissen darum ging mit der Aufkl\u00e4rung verloren, denn schon die Aufseher der Kunst- und Naturaliensammlung um 1800 versuchten diese Dinge in einen neuen Kontext, n\u00e4mlich den naturwissenschaftlichen, einzuordnen. Ihre fr\u00fchere Bedeutung wurde damit unsichtbar, und die Objekte wurden einer neuen Interpretation unterzogen. Heute stehen wir vor der Aufgabe, ihre verschiedenen historischen Bedeutungsschichten wieder ans Licht zu bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter der \u00dcberschrift &#8222;Ans Licht gebracht&#8220; werden hier zuk\u00fcnftig in loser Folge einzelne Fundst\u00fccke aus unserer Arbeit zu &#8222;Gotha um 1800. Natur &#8211; Wissenschaft &#8211; Geschichte&#8220; pr\u00e4sentiert. 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