{"id":4661,"date":"2020-05-07T14:37:40","date_gmt":"2020-05-07T12:37:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/?p=4661"},"modified":"2020-05-07T14:37:40","modified_gmt":"2020-05-07T12:37:40","slug":"im-schlafpelz-durch-die-krise-gedanken-ueber-das-informelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4661","title":{"rendered":"Im Schlafpelz durch die Krise? Gedanken \u00fcber das Informelle"},"content":{"rendered":"<p><em>Von <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/max-weber-kolleg\/personen\/fellows\/assoziierte-fellows\/mulsow-martin\">Martin Mulsow<\/a><\/em><\/p>\n<p>Ich schreibe ein Kapitel \u00fcber Schlafpelze und komme mir vor, als h\u00e4tte ich selber einen an. Immer nur in den eigenen vier W\u00e4nden, kaum vor die T\u00fcr kommen. Ein Schlafpelz ist eine Art Bademantel, oder besser: ein Morgenrock, etwas, das man sich \u00fcberwirft, um sich gar nicht erst gro\u00df anziehen zu m\u00fcssen. Aber wie ein Morgenmantel durchaus schick sein kann, konnte auch ein Schlafpelz pr\u00e4chtig daherkommen.<\/p>\n<p>Im Sommer 1713 kam es in Leipzig zu einem seltsamen Studentenprotest. Hunderte von Studenten zogen durch die Stra\u00dfen, lange Tabakpfeifen rauchend und bekleidet nur mit Schlafpelzen und Nachtm\u00fctzen. Eine Demonstration der Informalit\u00e4t, so wie man sich 1968 mit langen Haaren gegen das Establishment gewehrt hat. Nur eines war diesmal anders: Das Privileg der Informalit\u00e4t hatten sich zuvor schon die Adeligen und die Professoren herausgenommen. Sie hatten damit angefangen, \u00e0 la mode nicht nur zuhause, sondern auch drau\u00dfen im Schlafpelz herumzuspazieren \u2013 nat\u00fcrlich im Schlafpelz des neuesten Chic. Das wollten jetzt auch die Studenten tun d\u00fcrfen. Doch das Establishment schlug zur\u00fcck: Es hatte Angst, hier w\u00fcrden Standesgrenzen leichtfertig \u00fcbersprungen, daher wurde den Studenten das \u00f6ffentliche Schlafpelztragen verboten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4662\" aria-describedby=\"caption-attachment-4662\" style=\"width: 237px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-4662\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/pfanner-2-231x300.jpg\" alt=\"\" width=\"237\" height=\"308\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/pfanner-2-231x300.jpg 231w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/pfanner-2.jpg 490w\" sizes=\"(max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4662\" class=\"wp-caption-text\">Tobias Pfanner. Kupferstich von Tobias Romsted, in Pfanner:<br \/>Systema theologiae gentilis purioris, Basel 1679.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie ich auf das seltsame Thema komme? Durch das Studium von Gothaer Gelehrten um 1700. Als der Reisende Gottlieb Stolle in Gotha zu Besuch war, ging er auch bei Hofrat Pfanner zuhause vorbei. Und staunte nicht schlecht: \u201eEr zoge stihlecht auf in seinem Schlafpeltze, in dem darunter ein trefflich gepichter Brustlatz hervor blickte, um den Hals hatte er ein grau und wei\u00df T\u00fcchel, davon ein Ende in orient, das andre in occident stunde.\u201c Eine nette Formulierung: ein Ende in orient, das andre in occident. Ein Ende des Halstuchs zeigt nach Osten, das andere nach Westen. Man kann das sogar an Pfanners offiziellem Portr\u00e4t nachpr\u00fcfen, denn auch dort hat er sein Lieblings-Halstuch an, wenn auch nicht mit Morgenmantel, sondern im schicken \u00dcberwurf seines Justaucorps.<\/p>\n<p>Pfanner hielt sich am liebsten zu Hause auf, im Home Office sozusagen, er hasste es, bei Hofe zu sein und vermied es um jeden Preis, dem Herzog seine Aufwartung machen zu m\u00fcssen. Einmal sagte er ab unter dem Vorwand, er habe so lange als Amtmann in Saalfeld gelebt, dass seine Bl\u00f6digkeit ihm eine Audienz am Hof unm\u00f6glich mache. Bl\u00f6digkeit hie\u00df damals etwas anderes als heute. Es meinte die Schw\u00e4che, Scheu und Unbeholfenheit im Umgang mit anderen, also auch die Untauglichkeit zu h\u00f6fischem Verhalten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4663\" aria-describedby=\"caption-attachment-4663\" style=\"width: 211px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-4663\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/diderot.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"281\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4663\" class=\"wp-caption-text\">Denis Diderot, Gem\u00e4lde von Louis-Michel van Loo, 1767.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Philosoph und Aufkl\u00e4rer Denis Diderot hat dem Schlafrock \u00fcbrigens einen bezaubernden Essay gewidmet: <em>Regrets sur ma vieille robe de chambre ou avis \u00e0 ceux qui ont plus de go\u00fbt que de fortune<\/em>. Dort beklagt er den Verlust seines verschlissenen, ihm aber lieb gewordenen alten Hausrocks, der jetzt durch eine scharlachrote Robe ersetzt worden war. F\u00fcr ihn war das ein Symbol des korrumpierenden Luxus, der sich \u00fcberall anstelle der bew\u00e4hrten Dinge dr\u00e4ngt und seine eigenen Zw\u00e4nge entfaltet.<\/p>\n<p>Man kann dem Schlafpelz also, wenn man m\u00f6chte, einiges an Reflexionskraft abgewinnen, kann ihn zum Mittelpunkt eines Denkbildes machen, wie Walter Benjamin es sich vorstellt: wenn aus den Dingen ein Schein auf die Welt geworfen wird, in der sie benutzt werden, auf die Zeit, die sie hochsch\u00e4tzt, auf den Umgang, der sich mit ihnen vollzieht. Ich denke mir: Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn wir in Gotha einmal die Leipziger Schlafpelzdemonstration nachstellen, so wie wir die Illuminatenversammlung nachgestellt haben.<\/p>\n<p>Damals war es leicht, beim Kost\u00fcmverleih stilechte Gamaschen und Oberr\u00f6cke und Dreispitze zu bekommen. Aber finden wir dort auch Schlafpelze des 18. Jahrhunderts? Die Chancen stehen eher schlecht: Bewahrenswert und reproduktionsf\u00e4hig ist die offizielle Kultur, nicht die inoffizielle von Morgenmantel und Zipfelm\u00fctze. Was kann uns das sagen? Gilt das auch f\u00fcr die Geistesgeschichte der Informalit\u00e4t? Was ist die Zipfelm\u00fctze der Philosophie, was der Schlafpelz der Geschichtsschreibung? Vielleicht die liegengelassenen Zettel der Entw\u00fcrfe, die unsch\u00f6nen und unfertigen Formulierungen, die nicht gedruckten Pamphlete. Bl\u00f6digkeit im Schlafpelz: Das konnte aber auch, offensiv gewendet, eine \u201ePrivatpolitik\u201c in der einsamen Reflexion am Rande der Melancholie sein, wie Georg Stanitzek das beschrieben hat.<\/p>\n<p>So war es auch bei Pfanner: War er mit seiner Archivarbeit fertig, bei der er historisch-juristische Gutachten f\u00fcr seinen Herrn schreiben musste, zog er sich seinen Schlafrock an und war auf einmal in ganz anderen Welten, Welten der Liturgie des fr\u00fchen Christentums, f\u00fcr die sein Herz eigentlich schlug. Abends im Schlafrock verfasste er lange Werke \u00fcber Bu\u00dfriten, Weihegeschenke und Salbungen. Waren das selbst Denkbilder, um die h\u00f6fische Gegenwart zu exorzieren? Man muss an Machiavelli in seiner Verbannung denken, gefangen im Bergdorf, mit Ausgangssperre: Abends zog er sich eine Art Toga \u00fcber und tauchte ein in die klassische Welt der Antike.<\/p>\n<p>Ich schreibe \u00fcber Schlafpelze in der Corona-Krise und komme mir vor, als h\u00e4tte ich selbst einen an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Martin Mulsow Ich schreibe ein Kapitel \u00fcber Schlafpelze und komme mir vor, als h\u00e4tte ich selber einen an. Immer nur in den eigenen vier W\u00e4nden, kaum vor die T\u00fcr kommen. Ein Schlafpelz ist eine Art Bademantel, oder besser: ein Morgenrock, etwas, das man sich \u00fcberwirft, um sich gar nicht erst gro\u00df anziehen zu m\u00fcssen. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4661\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eIm Schlafpelz durch die Krise? 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