{"id":4665,"date":"2020-05-14T10:00:18","date_gmt":"2020-05-14T08:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/?p=4665"},"modified":"2020-05-14T12:30:04","modified_gmt":"2020-05-14T10:30:04","slug":"vereinigt-durch-die-krise-unerwartete-begegnungen-mit-den-korrespondierenden-fuersten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4665","title":{"rendered":"Vereinigt durch die Krise? Unerwartete Begegnungen mit den Korrespondierenden F\u00fcrsten"},"content":{"rendered":"<p><em>Von <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschungszentrum-gotha\/ueber-uns\/personen\/doktorandinnen-und-postdoktorandinnen\">Marian Hefter<\/a><\/em><\/p>\n<p>Eine Krise ist, auch wenn der gegenw\u00e4rtige Sprachgebrauch es anders suggeriert, im Wortsinne ja kein sich l\u00e4nger dahinschleppender Zustand. Eine Krise ist ein H\u00f6hepunkt, ein Wendepunkt, ein Moment der Entscheidung. \u00dcber zwei Krisen m\u00f6chte ich hier berichten \u2013 eine aus dem Sommersemester 2018, eine aus der Zeit um 1700.<\/p>\n<p>Beginnen wir mit der uns n\u00e4heren: W\u00e4hrend meiner Archivrecherchen vor zwei Jahren f\u00fcr meine Masterarbeit las ich unter vielen anderen auch die zwei Akten <em>Oberhofmarschallamt 84<\/em> und <em>Geheimes Archiv E V Mond 12<\/em> im Staatsarchiv Gotha. Diese Papiere, deren Inhalt, wie ich inzwischen wei\u00df, weder selten noch ungew\u00f6hnlich ist, bedeuteten f\u00fcr mich einen Heureka-Moment, einen Wendepunkt im Denken. Und sie brachten mich dazu, mich noch einige weitere Jahre mit fr\u00fchneuzeitlichem Aktenmaterial auseinanderzusetzen. Zun\u00e4chst aber eine Skizze des Inhalts der beiden Akte:<\/p>\n<figure id=\"attachment_4666\" aria-describedby=\"caption-attachment-4666\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4666\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_II_Hessen_Kassel_in_Uniform_Preu\u00dfen_1773-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_II_Hessen_Kassel_in_Uniform_Preu\u00dfen_1773-248x300.jpg 248w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_II_Hessen_Kassel_in_Uniform_Preu\u00dfen_1773-846x1024.jpg 846w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_II_Hessen_Kassel_in_Uniform_Preu\u00dfen_1773-768x929.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_II_Hessen_Kassel_in_Uniform_Preu\u00dfen_1773-1269x1536.jpg 1269w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_II_Hessen_Kassel_in_Uniform_Preu\u00dfen_1773.jpg 1313w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4666\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich II., Landgraf von Hessen-Cassel, in einem Gem\u00e4lde von Johann Heinrich Tischbein d. \u00c4. 1773, Deutsches Historisches Museum.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 13. September 1771 hatte sich Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel \u201ein v\u00f6llig gewidmeten Vertrauen\u201c mit einer Frage an Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg gewandt: Man wollte gerne erfahren, mit welchem Zeremoniell in Gotha k\u00f6niglich-franz\u00f6sische Gesandte empfangen w\u00fcrden. In Kassel hatte man ger\u00fcchteweise erfahren, die Botschafter Louis\u2019 XV. tr\u00e4ten neuerdings unter anderem mit dem Anspruch auf, den Weg zur Ersten Audienz beim Landesherrn in Gesellschaft eines Kammerherrn und mit zwei sechssp\u00e4nnigen und einem zweisp\u00e4nnigen Wagen zur\u00fcckzulegen. Im Schlosshof wollten sie von einer \u201eim Gewehr stehenden Wacht\u201c mit Musik und wehenden Fahnen begr\u00fc\u00dft werden, bei der Tafel die H\u00e4nde in einem eigenen Becken waschen. Diese weitreichende Ehrbezeugungen schienen dem hessischen Landgrafen jedoch unangemessen: Ein solcher Aufwand sei nach Kasseler Erfahrungen stets exklusiv den Repr\u00e4sentanten des Kaisers\u00a0vorbehalten gewesen. Und die Frage sei ja auch eigentlich schon einmal gekl\u00e4rt worden, schrieb Friedrich II.: Die Absprachen zwischen den alten reichsf\u00fcrstlichen H\u00e4usern aus dem Jahre 1700, die man in Goslar und N\u00fcrnberg getroffen hatte, seien ihm durchaus noch bekannt. Da jedoch inzwischen viel Zeit vergangen sei, wolle er sich doch lieber erkundigen, wie sich die aktuelle Praxis gestalte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4669\" aria-describedby=\"caption-attachment-4669\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4669\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/FriedrichIIISaGoAlt-239x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"251\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/FriedrichIIISaGoAlt-239x300.jpg 239w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/FriedrichIIISaGoAlt.jpg 398w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4669\" class=\"wp-caption-text\">Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1699-1772), Gem\u00e4lde von Christian Schilbach, 1720. Stiftung Schloss Friedenstein Gotha.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Gothaer Herzog Friedrich III. leitete das Hessische Schreiben zur Beantwortung weiter an\u00a0seinen Oberhofmarschall, seinen Hofmarschall und seinen Reisemarschall, mithin also die geballte zeremonielle Kompetenz seines Hofes. Nach drei Wochen meldeten sich die drei Herren mit dem Ergebnis ihrer Nachforschungen beim Herzog zur\u00fcck. Man hatte in den archivierten Papieren Informationen zu den Besuchen der kaiserlichen Gesandten Graf von Wurmbrandt anno 1727 und Graf von Raab 1746 sowie 1755 gefunden, man hatte sie sogar vergleichen k\u00f6nnen mit den Aufzeichnungen zur Anwesenheit preu\u00dfischer, englischer und polnischer Vertreter in den Jahren 1732 und 1741. Eine Antwort nach Kassel war also grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich. Doch was man nicht gefunden hatte, war zum einen eine Erw\u00e4hnung eines k\u00f6niglich-franz\u00f6sischen Besuchs (von einem Herrn von Follans, \u201eder kein Ceremoniel bekommen\u201c, einmal abgesehen). Zum andern aber hatte das Oberhofmarschallamt keine Kenntnis von irgend welchen Absprachen zwischen F\u00fcrsten, die gut 70 Jahre zuvor ein einheitliches zeremonielles Auftreten nach au\u00dfen geplant h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Dies hinderte den Gothaer Hof allerdings nicht, in seinem Antwortschreiben an den Landgrafen vom 27. Januar 1772 erst einmal zu behaupten, dass \u201egar wohl erinnerlich [sei], was auf den F\u00fcrsten-Conventen [\u2026] zur Abrede gediehen, und man hat solches an unserm Hoflager gr\u00f6\u00dften Theils[\u2026] beybehalten\u201c. Vor Ort jedoch begann nun die Suche nach Unterlagen zu diesen l\u00e4ngst vergessenen Absprachen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich waren diese Vereinbarungen, als ich im Sommersemester 2018 auf sie stie\u00df, nicht weiter relevant. Bedeutender war (und ist prinzipiell auch noch immer) f\u00fcr mich, dass sich der Landgraf von Hessen-Kassel angesichts eines bevorstehenden diplomatischen Ereignisses bei seinen Nachbarn, Freunden und Verwandten \u00fcber die gegenw\u00e4rtig \u00fcbliche Praxis erkundigte. Inzwischen wei\u00df ich, dass dies absolut keine seltene Art war, um einen Mangel an eigenem zeremoniellem Wissen zu beheben. Doch es steht eklatant dem entgegen, was in zahlreichen Publikationen vor allem aus dem Bereich der Historiographie und Kunstgeschichte wenigstens unterschwellig behauptet wird: Das ma\u00dfgebliche Wissen um h\u00f6fisches Zeremoniell in der Fr\u00fchneuzeit sei in den Schriften der Zeremonialwissenschaftler zu finden. Heureka, der Wendepunkt, aber nicht zur Katastrophe, sondern zum Besseren: Seit dieser Zeit befasse ich mich dank eines Promotionsstipendiums der Universit\u00e4t Erfurt in meiner Dissertation intensiv mit der Frage, wie eigentlich Wissen um Zeremoniell entstand, bewahrt und weitergegeben wurde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4667\" aria-describedby=\"caption-attachment-4667\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4667\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Benjamin_von_Block_001-233x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Benjamin_von_Block_001-233x300.jpg 233w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Benjamin_von_Block_001-797x1024.jpg 797w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Benjamin_von_Block_001-768x987.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Benjamin_von_Block_001-1195x1536.jpg 1195w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Benjamin_von_Block_001-1593x2048.jpg 1593w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Benjamin_von_Block_001.jpg 1884w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4667\" class=\"wp-caption-text\">Kaiser Leopold I. (1640-1705) im Harnisch mit Feldherrnstab, Kniest\u00fcck. Gem\u00e4lde von Benjamin von Block, 1672, Kunsthistorisches Museum.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der erste Aktenbestand, den ich mir in diesem Kontext im Staatsarchiv Gotha genauer ansah, waren die Papiere zu den erw\u00e4hnten \u201eF\u00fcrsten-Conventen\u201c. Inzwischen hatte ich herausgefunden, dass es sich bei diesen um insgesamt drei Treffen in den Jahren 1700 und 1701 in Goslar, N\u00fcrnberg und Frankfurt handelte. Und damit sind wir bei der zweiten Krise abgekommen, der um 1700: Anno 1692 hatte Kaiser Leopold I. den in Hannover residierenden bisherigen Herz\u00f6gen von Braunschweig-L\u00fcneburg eine Rangerh\u00f6hung angedeihen lassen. Ohne sich mit den F\u00fcrsten des Reiches abzusprechen, waren sie zu den neunten K\u00f6nigsw\u00e4hlern, zu Kurf\u00fcrsten geworden. Dieser folgenschwere Akt st\u00fcrzte das ganze Reich in die Krise, in der alles Spitz auf Knopf stand: Zahlreiche geistliche und weltliche F\u00fcrsten sahen nicht nur ihre Rechte und damit ihren gesamten Stand bedroht, sondern das ganze Reich in seinen rechtlichen Grundfesten angegriffen. Sowohl die Bestimmungen der Goldene Bulle von 1356 als auch der Westf\u00e4lische Frieden von 1648 und der gerade erst nach dem Pf\u00e4lzischen Erbfolgekrieg wieder hergestellte Frieden in Europa waren wenigstens in Frage gestellt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4672\" aria-describedby=\"caption-attachment-4672\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4672\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Christian_Schilbach_-_Portr\u00e4t_des_Herzogs_Friedrich_II._von_Sachsen-Gotha-Altenburg-1-229x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"261\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Christian_Schilbach_-_Portr\u00e4t_des_Herzogs_Friedrich_II._von_Sachsen-Gotha-Altenburg-1-229x300.jpg 229w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Christian_Schilbach_-_Portr\u00e4t_des_Herzogs_Friedrich_II._von_Sachsen-Gotha-Altenburg-1-783x1024.jpg 783w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Christian_Schilbach_-_Portr\u00e4t_des_Herzogs_Friedrich_II._von_Sachsen-Gotha-Altenburg-1-768x1004.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Christian_Schilbach_-_Portr\u00e4t_des_Herzogs_Friedrich_II._von_Sachsen-Gotha-Altenburg-1.jpg 1038w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4672\" class=\"wp-caption-text\">Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg, Gem\u00e4lde von Christian Schilbach, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die F\u00fcrsten nahmen besonders \u00fcbel, dass ihr Recht zur Mitentscheidung in der Frage von so\u00a0bedeutenden Rangerh\u00f6hungen ignoriert worden war. Und als 1699 auch der Sohn dieses ersten neuen Kurf\u00fcrsten in seiner Rolle best\u00e4tigt war, sah manch einer das Ende des Reiches gekommen. Um in dieser st\u00fcrmischen und entscheidenden Phase nicht unterzugehen, strebten einige F\u00fcrsten eine Vereinigung an. Sie wollten sich nach innen gegenseitig milit\u00e4risch sch\u00fctzen und zugleich nach au\u00dfen als Gegner der Einf\u00fchrung der Neunten Kur zu positionieren. Federf\u00fchrend waren hier Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenb\u00fcttel, Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg sowie die Bisch\u00f6fe von M\u00fcnster und W\u00fcrzburg, Friedrich Christian und Johann Philipp. Hinzu kamen zeitweise bis zu 18 weitere F\u00fcrsten. Drei mal trafen sich Vertreter dieser \u201eCorrespondierenden\u201c oder der \u201eUnion\u201c, wie sie sich nannten, um ihre durchaus kontroversen Ansichten auszutauschen, die anzubringenden Ma\u00dfnahmen zu koordinieren und vor allem geschlossen beim Kaiser Beschwerde einzulegen. Nebenbei wurden aber auch zahlreiche weitere Anliegen besprochen, wobei etliche tausend Seiten Papier beschrieben wurden. Im Staatsarchiv Gotha betreffen die acht Akten <em>Geheimes Archiv 3634<\/em> bis <em>3641<\/em> direkt und ausschlie\u00dflich diese drei\u00a0Versammlungen. Manche der Papiere sind vorbildlich sortiert, andere hingegen in Lose-Blatt-Sammlungen abgelegt. Als ich im Fr\u00fchjahr und Sommer 2019 diesen Bestand las und exzerpierte, sa\u00df ich am Ende mit \u00fcber 160 Seiten Auswertung da \u2013 und wollte mich m\u00f6glichst niemals wieder mit diesem Wust aus Notizen befassen m\u00fcssen. Und gl\u00fccklicherweise ergaben sich bald andere, ebenfalls fruchtbare Arbeiten.<\/p>\n<p>Doch dann sa\u00df ich im M\u00e4rz dieses Jahres recht pl\u00f6tzlich auf unbestimmte Zeit unter versch\u00e4rften Bedingungen in Bayern fest. Ich hatte nur einen kurzen Aufenthalt geplant und entsprechend kaum Lekt\u00fcre mitgenommen. Daher galt es also, sich mit dem zu befassen, was greifbar war. Damit war die Stunde der Akten zum \u201eVerein der Korrespondierenden F\u00fcrsten\u201c gekommen. Die bisher f\u00fcr mich v\u00f6llig un\u00fcbersichtlichen Akten-Exzerpte wandelte ich in Tabellen um: Jedes Ereignis und jedes Schriftst\u00fcck erhielt seinen Platz in einer chronologischen Auflistung. Jedes besprochene Themenfeld erhielt einen Vermerk. Ziemlich genau zweitausend Zeilen erlaubten jetzt einen \u00dcberblick und eine systematische Rekonstruktion sowohl der \u00e4u\u00dferen Ereignisse als auch der besprochenen Themen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4683\" aria-describedby=\"caption-attachment-4683\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-4683\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Tabelle-mit-FII-300x176.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"176\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Tabelle-mit-FII-300x176.jpg 300w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Tabelle-mit-FII-1024x601.jpg 1024w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Tabelle-mit-FII-768x451.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Tabelle-mit-FII.jpg 1428w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4683\" class=\"wp-caption-text\">Die Zusammenf\u00fchrung der analysierten Dokumente in Tabellenform samt Friedrich II. (c) Marian Hefter<\/figcaption><\/figure>\n<p>So tat sich mir ein ganzes Panorama der europ\u00e4ischen Diplomatie in den Jahren um 1700 auf.\u00a0Streitigkeiten um das Erbe ausgestorbener F\u00fcrstenfamilien spielten auf den drei Kongressen ebenso eine Rolle wie die Kosten f\u00fcr angemessene Kleidungsst\u00fccke f\u00fcr den Besuch am Wiener Kaiserhof. Gesandte reisten in geheimer Doppelmission von N\u00fcrnberg nach Versailles, andere trafen sich beim Kuren in Wiesbaden zum vertraulichen Gespr\u00e4ch. W\u00e4hrend in Goslar, N\u00fcrnberg und Frankfurt getagt wurde, brach der Gro\u00dfe Nordische Krieg aus und starb der K\u00f6nig von Spanien kinderlos. Unterdessen reiste Kaiser Leopold I. zwischen seinen Residenzen umher, sandte Boten und Diplomaten aus und versuchte, sich die Korrespondierenden F\u00fcrsten mit ihren Beschwerden \u00fcber die Neunte Kur vom Leib zu halten. Die Opponierenden z\u00e4hlten unterdessen ihre Truppen, riefen offen die waffenstarrenden K\u00f6nige Louis XIV. von Frankreich und Karl XII. von Schweden als Garantiem\u00e4chte des Westf\u00e4lischen Friedens an und lie\u00dfen doch zugleich ihren d\u00e4nischen Verb\u00fcndeten im Stich. Gleichberechtigt mit diesen europaweit bedeutenden, milit\u00e4rischen Aktionen\u00a0wurde aber auch \u00fcber allerlei zeremonielle Unklarheiten verhandelt: Welcher Rang sollte etwa den nicht-ebenb\u00fcrtigen F\u00fcrstengattinnen zugestanden werden? Aus welchem Material sollten Kn\u00f6pfe gefertigt werden d\u00fcrfen? Und auch die Anzahl der Pferde, die in Wien vor eine Kutsche gespannt werden sollten, musste abgesprochen werden \u2013 wie viele Pferde man dort \u00fcberhaupt besa\u00df, spielte indes keine Rolle. Da waren die Verhandlungen \u00fcber die Vereinheitlichung des Zeremoniells f\u00fcr Gesandtenempf\u00e4nge zumindest vermeintlich n\u00e4her an der allt\u00e4glichen Realit\u00e4t, womit wir wieder bei dem eingangs erw\u00e4hnten Briefwechsel zwischen Gotha und Kassel angekommen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Diese und weitere Fundst\u00fccke aus den Akten haben mich nun f\u00fcr etwa zwei Monate w\u00e4hrend der bayerischen Ausgehbeschr\u00e4nkungen begleitet und besch\u00e4ftigt. Mit Sicherheit h\u00e4tte ich mich ohne diesen erzwungenen Ruhestand nicht mehr in dieser Ausf\u00fchrlichkeit mit dem \u201eVerein der Korrespondierenden F\u00fcrsten gegen die Neunte Kur\u201c auseinandergesetzt. Dessen letzte verbliebene Mitglieder hatten es \u00fcbrigens schon 1701 geschafft, sich diplomatisch in eine v\u00f6llig aussichtslose Lage zu manouvrieren. Entsprechend erlebten im Jahr darauf zwei von ihnen noch einmal wirkliche Krisen im Wortsinn: Das Land Anton Ulrichs wurde \u00fcber Nacht von Truppen des neunten Kurf\u00fcrsten besetzt, worauf er zu seinem herzoglichen Freund nach Gotha floh. Eine pers\u00f6nliche Katastrophe konnte er nur abwenden, indem er sich der milit\u00e4rischen \u00dcbermacht beugte und jeden weiteren Widerstand aufgab. Friedrich II. lie\u00df es hingegen nicht ganz so weit kommen \u2013 und konnte den Ausgang der Krise zwar nur knapp, aber dann sogar noch zu seinen finanziellen Gunsten wenden. Doch das ist eine andere Geschichte, die uns weit weg von den Verhandlungen in Goslar, N\u00fcrnberg und Frankfurt f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Marian Hefter Eine Krise ist, auch wenn der gegenw\u00e4rtige Sprachgebrauch es anders suggeriert, im Wortsinne ja kein sich l\u00e4nger dahinschleppender Zustand. Eine Krise ist ein H\u00f6hepunkt, ein Wendepunkt, ein Moment der Entscheidung. \u00dcber zwei Krisen m\u00f6chte ich hier berichten \u2013 eine aus dem Sommersemester 2018, eine aus der Zeit um 1700. Beginnen wir mit &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4665\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVereinigt durch die Krise? Unerwartete Begegnungen mit den Korrespondierenden F\u00fcrsten\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":23,"featured_media":4672,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[172,299,174],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4665"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/23"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4665"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4705,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4665\/revisions\/4705"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4672"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}