{"id":4686,"date":"2020-05-20T10:00:54","date_gmt":"2020-05-20T08:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/?p=4686"},"modified":"2020-05-28T15:15:17","modified_gmt":"2020-05-28T13:15:17","slug":"relevant-mit-system-geschichte-schreiben-im-ausnahmezustand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4686","title":{"rendered":"Relevant, mit System. Geschichte schreiben im Ausnahmezustand"},"content":{"rendered":"<p><em>Von <a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/dr-des-timo-bonengel\">Timo Bonengel<\/a><\/em><\/p>\n<p>Als vor einigen Wochen das \u00f6ffentliche Leben drastisch heruntergefahren und das eigene Leben f\u00fcr viele pl\u00f6tzlich \u00e4u\u00dferst surreal wurde, war schnell klar, dass es in manchen Bereichen trotz allem unvermindert weitergehen muss: Medizinische Versorgung, Polizei, Superm\u00e4rkte, Paket- und Lieferdienste sind \u201esystemrelevant\u201c. W\u00e4hrend ich also ins Homeoffice zog und mich fragte, wie viel ich als wissenschaftlicher Koordinator in den kommenden Monaten \u00fcberhaupt noch zu koordinieren haben w\u00fcrde \u2013 was etwa die Planung von Vortr\u00e4gen und einer Sommerschule angeht \u2013, mussten Brieftr\u00e4ger*innen, Supermarktangestellte, \u00c4rzt*innen und andere Berufsgruppen ohne gro\u00dfe Zeit zum Nachdenken pl\u00f6tzlich eher noch mehr arbeiten als zuvor.<\/p>\n<p>Aus der selbstbezogenen Frage \u201eWas ist mit mir?\u201c (der ich offiziell nicht &#8222;systemrelevant&#8220; bin) wurde schnell die Frage, was der aktuelle Ausnahmezustand, was die Unterscheidung zwischen \u201esystemrelevant\u201c und \u201enicht systemrelevant\u201c eigentlich f\u00fcr die Geistes- und Kulturwissenschaften, speziell die Geschichtswissenschaft, bedeutet. Dies wird, so viel vorab, kein Text mit theoretischen \u00dcberlegungen zum Ausnahmezustand, wie ihn der italienische Philosoph Giorgio Agamben definiert \u2013 <a href=\"https:\/\/twitter.com\/OliverBWeber\/status\/1240266652786274308\">diese Debatte wird gerade anderswo\u00a0gef\u00fchrt<\/a>. Und dieser Beitrag ist erst recht kein beleidigtes Pl\u00e4doyer, mit dem ich versuche, Historiker*innen in einen Relevanz-Wettbewerb mit \u00c4rzt*innen, Kassierer*innen, Busfahrer*innen oder Paketbot*innen einzubringen; denn nat\u00fcrlich ist v\u00f6llig klar, dass in einer akuten Bedrohungslage der Bedarf an medizinischen Leistungen und der allt\u00e4glichen Grundversorgung dr\u00e4ngender ist als der Bedarf an geisteswissenschaftlicher Forschung.<\/p>\n<p>Stattdessen m\u00f6chte ich erkl\u00e4ren, wieso ich glaube, dass der Begriff der Systemrelevanz (<a href=\"https:\/\/www.benjamin-hoff.de\/de\/article\/4067.heute-schon-an-morgen-denken.html\">mit dem aktuell auch Kulturschaffende ausgeschlossen werden<\/a>) f\u00fcr das, was gemeint ist, falsch gew\u00e4hlt ist. Und ich m\u00f6chte, mit ein paar Gedanken zu den Gothaer Einrichtungen im Schnittfeld zwischen Wissenschaft, Kultur und Bildung, zeigen, wieso Historiker*innen und Geschichte eben doch relevant sind, nicht nur f\u00fcr das, sondern auch mit System.<\/p>\n<p>All jene, die in Arztpraxen und Krankenh\u00e4usern, in Beh\u00f6rden, in den Rettungsdiensten, aber auch in Superm\u00e4rkten und im \u00f6ffentlichen Nahverkehr arbeiten, sind schon f\u00fcr das kurzfristige allt\u00e4gliche Funktionieren der Gesellschaft unabdingbar. Dasselbe gilt freilich nicht f\u00fcr Historiker*innen. Aber der Begriff der Systemrelevanz umfasst eigentlich mehr als diese existenzielle Grundsicherung: Denn das System, das hier gemeint ist \u2013 Gesellschaft und politische Ordnung \u2013 wird gerade mittel- und langfristig nicht nur durch f\u00fcr das blo\u00dfe \u00dcberleben notwendige Prozesse erhalten. Daf\u00fcr braucht es den \u00f6ffentlichen Diskurs, der durch Kultur und (Geschichts-)Wissenschaft ma\u00dfgeblich informiert, bereichert und als reflexive demokratische Debatte \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4690\" aria-describedby=\"caption-attachment-4690\" style=\"width: 525px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4690 size-large\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Gotha-schloss-friedenstein-westen-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Gotha-schloss-friedenstein-westen-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Gotha-schloss-friedenstein-westen-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Gotha-schloss-friedenstein-westen-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Gotha-schloss-friedenstein-westen-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Gotha-schloss-friedenstein-westen.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4690\" class=\"wp-caption-text\">Schloss Friedenstein Gotha. Foto: Stefan C. Hoja, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/4.0\/\">Creative Commons<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch in Gotha, diesem Mikrokosmos, der, anders als man es als Au\u00dfenstehende*r vielleicht zuerst vermuten w\u00fcrde, ein unglaublich vielseitiger Ort von Wissensbest\u00e4nden und Wissensproduktion zur Geschichte von der Fr\u00fchen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert ist, wird das deutlich: Nicht nur lagern hier einzigartig vielf\u00e4ltige Best\u00e4nde, von geologischen Sammlungen \u00fcber Exponate von Afrikareisen zur Zeit des Kolonialismus, Texte zur Geschichte von Philosophie, Aufkl\u00e4rung und Protestantismus in Europa und Gem\u00e4lde, bis hin zu geographischen Karten von verschiedenen Weltregionen, die im 19. Jahrhundert wichtige Voraussetzungen und Ergebnisse des globalen Verkehrs von Wissen, Waren und Menschen waren.<\/p>\n<p>Diese Best\u00e4nde werden auch st\u00e4ndig von Wissenschaftler*innen, von Historiker*innen, Kunsthistoriker*innen, Literaturwissenschaftler*innen und Philosoph*innen erforscht und dieses so gewonnene Wissen \u00fcber vergangene Kulturen und gesellschaftliche Ordnungen der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht: etwa zur Philosophie- und Ideengeschichte, zu h\u00f6fischen Kulturen in der Fr\u00fchen Neuzeit, oder zum Kolonialismus seit dem 19. Jahrhundert. Aufbereitet wird all das in den Museen der <a href=\"https:\/\/www.stiftungfriedenstein.de\/\">Stiftung Schloss Friedenstein Gotha<\/a>, in \u00f6ffentlichen Vortr\u00e4gen, in Publikationen, in Sonderausstellungen, in der lokalen Presse und im Feuilleton. Oder in der geschichtsdidaktischen Arbeit, <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschungsbibliothek-gotha\/bibliothek\/ueber-uns\/schulprojekte\">wie sie die Forschungsbibliothek Gotha mit Schulklassen durchf\u00fchrt<\/a>. Oder in der (Aus-)Bildung von angehenden Geschichtslehrer*innen an der Universit\u00e4t Erfurt, wo Gothaer Forscher*innen in der Lehre aktiv sind.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir langfristig ein reflektiertes, wissensbasiertes Miteinander sichern, ohne dass Historiker*innen systematisch unsere Vergangenheit in all ihren Facetten erforschen? Und dieses Wissen, ebenso systematisiert und mit Methode aufbereiten, in \u00f6ffentliche Debatten, ins kulturelle Leben und in die Bildungssysteme einspeisen? Diese Frage ist rhetorisch, denn sie mit \u201eja\u201c zu beantworten erschiene mir abwegig \u2013 mittel- und langfristig ist auch die Geschichtswissenschaft systemrelevant.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4688\" aria-describedby=\"caption-attachment-4688\" style=\"width: 525px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4688 size-large\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_038-1024x878.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_038-1024x878.jpg 1024w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_038-300x257.jpg 300w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_038-768x658.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_038-1536x1317.jpg 1536w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_038.jpg 2024w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4688\" class=\"wp-caption-text\">Keine Option: Selbstisolation im Elfenbeinturm. Rembrandt van Rijn, &#8222;Der Philosoph&#8220;, 1633, Louvre.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das bedeutet nun nicht, dass sich Geisteswissenschaftler*innen beziehungsweise Historiker*innen darauf ausruhen und sich selbstgen\u00fcgsam ihren Forschungen widmen k\u00f6nnen, mit dem Hinweis, dass die eigene Relevanz selbstverst\u00e4ndlich sei. Wir m\u00fcssen den momentanen Ausnahmezustand dazu nutzen, endlich eine Debatte zu f\u00fchren, <a href=\"https:\/\/zeitgeschichte-online.de\/kommentar\/thema-verfehlt\">die in der Geschichtswissenschaft \u00fcberf\u00e4llig ist<\/a>: Welche gesellschaftliche Bedeutung kommt der Disziplin im 21. Jahrhundert zu? Wie schaffen wir es, unsere Erkenntnisse noch besser der breiten \u00d6ffentlichkeit zu vermitteln? Und sind wir nicht auch selbst verantwortlich daf\u00fcr, ob wir gesellschaftlich als relevant wahrgenommen werden? <a href=\"https:\/\/werkstattgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/WG61_007-014_LANDWEHR_KUNST.pdf\">Systematische, kritische und selbstreflexive Forschung zur Vergangenheit<\/a> ist das, was wir liefern k\u00f6nnen \u2013 das ist in diesen postfaktisch erscheinenden Zeiten alles andere als irrelevant.<\/p>\n<p>Dabei zeigt sich auch am Beispiel von Gotha, dass die Voraussetzungen f\u00fcr die Geistes- und Geschichtswissenschaften eigentlich bestehen, selbstbewusst ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten: Es ist gerade die F\u00e4higkeit, sich in Krisenzeiten nicht statisch zu verhalten, sondern <a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4653\">von der Gegenwart inspiriert geschickt gewendete Fragen an die Vergangenheit zu stellen<\/a>, kreativ das Randst\u00e4ndige in den Mittelpunkt zu r\u00fccken, <a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4661\">gr\u00f6\u00dfere Bedeutungszusammenh\u00e4nge am Kleinen, Kuriosen aufzuzeigen<\/a>, das Unerwartete zu untersuchen und <a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4665\">durch Transparenz und Selbstreflexivit\u00e4t die eigenen Methoden und Recherchewege systematisch offenzulegen<\/a>.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge auf diesem Blog und <a href=\"https:\/\/blog-fbg.uni-erfurt.de\/category\/notizen-aus-dem-gothaer-bibliotheksturm\/\">bei den Kolleg*innen von der Forschungsbibliothek<\/a> entstehen gerade spontan, im Ausnahmezustand. Sie zeigen, dass es eine St\u00e4rke von Historiker*innen ist, flexibel auf neue Entwicklungen zu reagieren, die eigene Forschung unter aktuellen Vorzeichen (neu) zu deuten, dabei deutlich zu machen, wie sie zu ihren Ergebnissen gelangen, und diese auf Systematik beruhenden Gedanken f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit aufzubereiten, etwa in kurzen, pr\u00e4gnanten Blogbeitr\u00e4gen oder mit anderen kreativen Mitteln der Wissenschaftskommunikation.<\/p>\n<p>Auch unter erschwerten Bedingungen arbeiten momentan in Gotha Kolleginnen und Kollegen weiter an ihren verschiedenen Projekten: <a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/matthias-rekow\">etwa zur hochaktuellen Frage nach dem Klima in historischer Perspektive beziehungsweise der Geschichte der Meteorologie<\/a>; oder daran, <a href=\"https:\/\/blog.factgrid.de\/\">digitale Infrastrukturen f\u00fcr das Forschungsdatenmanagement aufzubauen und zu verbessern<\/a>; auch die digitale Zug\u00e4nglichkeit von Quellen und von Forschungsergebnissen im <a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/forschen-in-gotha\/gotha3\/gotha-portal\">Gotha-Portal<\/a> zu erm\u00f6glichen geh\u00f6rt zu den Arbeiten, die im Hintergrund unvermindert weitergehen.<\/p>\n<p>Wenn wir selbstkritisch bleiben und gesellschaftliche Relevanz nicht als entweder selbstverst\u00e4ndlich gegeben oder als unzumutbaren Anspruch betrachten, kann die Geschichtswissenschaft gest\u00e4rkt aus der Krise hervorgehen. Deshalb k\u00f6nnen trotz der schwierigen Situation alle, die gerade im Ausnahmezustand Geschichte schreiben, durchaus selbstbewusst und optimistisch sein. Sie sind relevant, mit System.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Timo Bonengel Als vor einigen Wochen das \u00f6ffentliche Leben drastisch heruntergefahren und das eigene Leben f\u00fcr viele pl\u00f6tzlich \u00e4u\u00dferst surreal wurde, war schnell klar, dass es in manchen Bereichen trotz allem unvermindert weitergehen muss: Medizinische Versorgung, Polizei, Superm\u00e4rkte, Paket- und Lieferdienste sind \u201esystemrelevant\u201c. W\u00e4hrend ich also ins Homeoffice zog und mich fragte, wie viel &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4686\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eRelevant, mit System. 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