{"id":4727,"date":"2020-06-11T10:00:22","date_gmt":"2020-06-11T08:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/?p=4727"},"modified":"2020-06-11T10:02:55","modified_gmt":"2020-06-11T08:02:55","slug":"wer-die-hand-am-pflug-behaelt-%cc%b6-gedanken-aus-dem-homeoffice","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4727","title":{"rendered":"\u201eWer die Hand am Pflug beh\u00e4lt\u201c &#8211; Gedanken aus dem Homeoffice"},"content":{"rendered":"<p><em>Von <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschungszentrum-gotha\/nachwuchskolleg\/mitglieder\/promovierende\/thomas-schader\">Thomas Schader<\/a><\/em><\/p>\n<p>Das Portrait zeigt einen jungen Jesuitenmissionar. Ein gro\u00dfes Kruzifix ziert seine Brust. Die rechte Hand h\u00e4lt einen Pilgerstab, die linke weist auf die Szenerie, die sich hinter ihm abspielt. Dort ist eine spanische Galeone zu sehen, die gerade ihren Anker lichtet, um in die \u201eNeue Welt\u201c zu segeln. Sanftm\u00fctig wirkt der junge Missionar. Mit Demut scheint er das Geschehen im Hintergrund zur Kenntnis zu nehmen. Nichts l\u00e4sst erahnen, dass f\u00fcr Pater Philipp Anton Segesser (1689-1762) das lange Warten auf die Reise nach \u00dcbersee zu einem \u201efeckfe\u00fcr\u201c [Fegefeuer] wurde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4728\" aria-describedby=\"caption-attachment-4728\" style=\"width: 888px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4728 size-full\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Philipp-Segesser-1729.png\" alt=\"\" width=\"888\" height=\"899\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Philipp-Segesser-1729.png 888w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Philipp-Segesser-1729-296x300.png 296w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Philipp-Segesser-1729-768x778.png 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Philipp-Segesser-1729-100x100.png 100w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4728\" class=\"wp-caption-text\">Philipp Anton Segesser (1689-1762), Anonym 1729, Privatarchiv der Familie Segesser in Luzern.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ungeduld pr\u00e4gt unseren Alltag in der aktuellen Covid-19-Krise. Gewissheiten geraten ins Wanken, voller Sorge blicken viele Menschen in die Zukunft. Angesichts der derzeitigen Herausforderungen frage ich mich, ob ich von den Jesuiten in der Warteschleife (1660-1760),\u00a0mit denen ich mich im Rahmen meiner Dissertation besch\u00e4ftige, eigentlich etwas lernen kann. Zugegeben, historische Vergleiche sind grunds\u00e4tzlich mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Dennoch m\u00f6chte ich einen Versuch wagen.<\/p>\n<p>Die Reise der Jesuitenmissionare in die \u201eNeue Welt\u201c war eine Unternehmung voller Risiken, Unw\u00e4gbarkeiten und Verz\u00f6gerungen. Der Weg nach \u00dcbersee f\u00fchrte die zentraleurop\u00e4ischen Jesuitenmissionare zun\u00e4chst nach Spanien. In den andalusischen Hafenst\u00e4dten Sevilla, C\u00e1diz oder El Puerto de Santa Mar\u00eda mussten sie oft l\u00e4ngere Zeit warten, bis sie ihre Reise \u00fcber den Atlantik fortsetzen konnten. Einmal j\u00e4hrlich liefen die k\u00f6niglichen Flotten in die \u00fcberseeischen Provinzen aus, doch konnten sich die Abfahrtstermine aufgrund von Versp\u00e4tungen, Unwettern oder politischen Spannungen um Jahre hinausz\u00f6gern. Einige Missionare waren gezwungen, bis zu f\u00fcnf Jahre auf eine \u00dcberfahrt zu warten. Spanien konnte dementspechend zu einem gro\u00dfen Warteraum werden. Was tun in dieser ungewissen Zeit? In meiner Forschungsarbeit interessiere ich mich f\u00fcr die Praktiken der zeitlichen Kontingenzbew\u00e4ltigung, das hei\u00dft ich untersuche die Handlungs- und Deutungsmuster der wartenden Jesuiten im Umgang mit der Wartezeit in Spanien. Hierf\u00fcr habe ich bisher circa 250 Selbstzeugnisse, vorrangig Briefe und Reiseberichte, ausgewertet. Angesichts der aktuellen Situation gewinnen die Fragen, die ich an meine Quellen richte, in \u00fcberraschender Weise an Gegenwartsrelevanz.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4729\" aria-describedby=\"caption-attachment-4729\" style=\"width: 525px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4729 size-large\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/C\u00e1diz-Hofnagel-1564-1024x232.png\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"119\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/C\u00e1diz-Hofnagel-1564-1024x232.png 1024w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/C\u00e1diz-Hofnagel-1564-300x68.png 300w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/C\u00e1diz-Hofnagel-1564-768x174.png 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/C\u00e1diz-Hofnagel-1564-1536x347.png 1536w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/C\u00e1diz-Hofnagel-1564.png 1777w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4729\" class=\"wp-caption-text\">C\u00e1diz (Cadiz. olim Gades, eiusdem nominis Insurlae oppidum nobile, portu maris Herculeo freto, temploque memoratum), Hofnagel 1564, Digitale Bibliothek Mecklenburg Vorpommern.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie auch wir in der aktuellen Situation unseren gewohnten Alltag nicht fortf\u00fchren k\u00f6nnen, uns den sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden Ma\u00dfnahmen anpassen und neue Wege suchen m\u00fcssen, eine gewisse Routine zu etablieren, standen auch die Missionare in Spanien vor der Herausforderung, ihrem Alltag Struktur zu verleihen. Nach der Ankunft in Spanien wurden sie auf die verschiedenen Kollegien der Ordensprovinz <em>Baetica<\/em> verteilt und weitestgehend in die Ordensgemeinschaften integriert. Die meisten Missionare nutzten die Zeit, um die spanische Sprache zu lernen und sich durch Lekt\u00fcre und handwerkliche T\u00e4tigkeiten auf die Mission vorzubereiten. Den Alltag weitestgehend selbst zu organisieren, gelang jedoch nicht allen. Viele wurden bereits nach wenigen Monaten ungeduldig, klagten \u00fcber fehlende Abwechslung und die \u201eleere Zeit\u201c des Wartens. Erschwerend kam hinzu, dass in den Hafenst\u00e4dten st\u00e4ndig Ger\u00fcchte \u00fcber m\u00f6gliche Abfahrtstermine zirkulierten, die sich oftmals als reine \u201em\u00e4hrlein\u201c entpuppten und Hoffnungen der Missionare immer wieder zunichte machten.<\/p>\n<p>Pater Anton Sepp (1683-?) tat sich besonders schwer, Geduld aufzubringen. Der Tiroler Missionar befand sich ab 1726 in Spanien und wartete auf seine \u00dcberfahrt nach Paraguay. Nach einem Jahr wandte er sich an den Assistenten der deutschen Provinz und beklagte sich \u00fcber die Zust\u00e4nde in Spanien. Sepp erhielt die Antwort, er m\u00f6ge sich bitte in Geduld \u00fcben und die Abfahrt im kommenden Jahr abwarten. In der Zwischenzeit solle er die Ordensleitung dar\u00fcber informieren, wie seine bisherige Reise verlaufen sei. Anton Sepp lie\u00df sich jedoch nicht beschwichtigen und wandte sich mit seinen Unmutsbekundungen an den Generalprokurator in Madrid. Dieser setzte wiederum die Ordenskurie \u00fcber das widerspenstige Verhalten des Tiroler Missionars in Kenntnis. Sepps Ungeduld scheint derart virulent gewesen zu sein, dass er des \u00f6fteren die Regeln der <em>vita communis<\/em>, des jesuitischen Gemeinschaftlebens, missachtete. \u00dcber Genaueres schweigen die Quellen leider. Die andalusische Ordensleitung beschloss schlie\u00dflich, Pater Sepp wieder zur\u00fcck in die Heimatprovinz zu schicken. Der Traum, als \u00dcberseemissionar in die Geschichte des Ordens einzugehen, war geplatzt.<\/p>\n<p>Um nicht in die M\u00fchlen des M\u00fc\u00dfiggangs zu geraten und dadurch ein \u00e4hnliches Schicksal zu erleiden, versuchte Pater Franz Xaver Weiss (1710-1795) die \u201eHand am Pflug\u201c zu halten, indem er die f\u00fcr einen Jesuiten g\u00e4ngigen geistlichen wie caritativen Arbeiten auch in Spanien fortf\u00fchrte. In der andalusischen Stadt Jerez de la Frontera bet\u00e4tigte sich der Ingolst\u00e4dter Missionar zwischen 1741 und 1744 zun\u00e4chst als Katechet, Beichtvater und Gefangenenseelsorger. Da er des Spanischen recht schnell m\u00e4chtig war und seine Dienste am N\u00e4chsten sehr gesch\u00e4tzt wurden, durfte er bald auf die Kanzel \u00a0steigen und als Prediger das Wort an die Einwohner von Jerez richten. Dieses Privileg wurde nur wenigen ausl\u00e4ndischen Missionskandidaten zuteil, denn das Predigen galt als eine der anspruchsvollsten T\u00e4tigkeiten jesuitischer Pastoral. Franz Xaver Weiss hielt zun\u00e4chst einige Bu\u00dfpredigten w\u00e4hrend der Fastenzeit, sp\u00e4ter durfte er am Festtag des Hl. Nepomuk vor versammelter Klerikerschaft eine Lobrede auf den Heiligen halten. W\u00e4hrend die Wartezeit in Spanien in den Erinnerungen der Missionare weitestgehend als belastend und kr\u00e4ftezehrend beschrieben wird, hielt Pater Weiss den Aufenthalt in Spanien in guter Erinnerung. Zwar freute er sich nach dreij\u00e4hrigem Warten, nun endlich den \u201ekeffich\u201c [K\u00e4fig] zu verlassen und in die \u201eFreyheit ab[zu]fl\u00fcgen\u201c, doch scheint ihn das Fortf\u00fchren der pastoralen Arbeit auf dem spanischen \u201eAcker\u201c wie keinen anderen erf\u00fcllt zu haben.<\/p>\n<p>\u201eDie Hand am Pflug halten\u201c \u2013 eine Metapher, die typisch ist f\u00fcr den jesuitischen Tugend- und Geduldsdiskurs. Trotz grunds\u00e4tzlicher Vorbehalte gegen\u00fcber der erbaulichen Rhetorik jesuitischer Selbstzeugnisse muss ich gestehen, dass mich dieses Bild in der momentanen Situation irgendwie anspricht. Ebenso der Pragmatismus und die Beharrlichkeit, welche Franz Xaver Weiss w\u00e4hrend der drei Jahre des Wartens an den Tag legte.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns Historikerinnen und Historiker am Forschungszentrum Gotha ist die Arbeit auf unserem gewohnten Acker momentan nur begrenzt m\u00f6glich.\u00a0 Bibliotheken und Archive sind geschlossen oder nur eingeschr\u00e4nkt zug\u00e4nglich. Einige von uns mussten ihre Forschungsaufenthalte im In- und Ausland abbrechen und sind dadurch gezwungen, ihre Projekte neu auszurichten. Es fehlt am pers\u00f6nlichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und an geistig-kreativem Input. Die Gefahr, missmutig und ungeduldig zu werden oder in M\u00fc\u00dfiggang und Leerlauf zu verfallen, ist gro\u00df. Ebenso die eines Lagerkollers. Als Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sind wir es zwar gewohnt, im stillen K\u00e4mmerlein zu sitzen und unserer t\u00e4glichen Arbeit nachzugehen. Doch f\u00fcr jene, die sich momentan zus\u00e4tzlich ganzt\u00e4gig um ihre Kinder k\u00fcmmern m\u00fcssen, f\u00fcr jene, die keine R\u00fcckzugsr\u00e4ume haben oder f\u00fcr jene, deren finanzielle Ressourcen ausgehen, ist die momentane Krise eine enorme psychische Belastung. Die Ungewissheit \u00fcber die weiteren Entwicklungen der Pandemie, die drohende zweite Welle und die unabsehbare R\u00fcckkehr zum gewohnten Forschungsalltag dr\u00fccken auf die Stimmung. Auf der anderen Seite sieht man, auf welch unterschiedlichen Wegen viele Forschende versuchen, die \u201eHand am Pflug\u201c zu halten und ihre Projekte durch diese Krise zu man\u00f6vrieren. In unserem Nachwuchskolleg \u201eWissensgeschichte der Neuzeit\u201c wurden <em>Webex<\/em>-Arbeitsgruppen und digitale Feedbackrunden ins Leben gerufen. Man trifft sich zu Online-Meetings oder arbeitet im Tandem. Diese kreativen Initiativen zeigen, dass die eigene Forschungsarbeit in dieser ungewissen Zeit ein Rettungsanker sein kann und vor allem, dass die Geschichtswissenschaften sich in der Krise flexibel zeigen und weiter zuverl\u00e4ssig funktionieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Thomas Schader Das Portrait zeigt einen jungen Jesuitenmissionar. Ein gro\u00dfes Kruzifix ziert seine Brust. Die rechte Hand h\u00e4lt einen Pilgerstab, die linke weist auf die Szenerie, die sich hinter ihm abspielt. Dort ist eine spanische Galeone zu sehen, die gerade ihren Anker lichtet, um in die \u201eNeue Welt\u201c zu segeln. 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