{"id":4748,"date":"2020-06-18T10:00:19","date_gmt":"2020-06-18T08:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/?p=4748"},"modified":"2020-06-09T16:38:14","modified_gmt":"2020-06-09T14:38:14","slug":"der-kranke-staatskoerper-politische-herrschaft-in-zeiten-einer-gesundheitskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4748","title":{"rendered":"Der kranke Staatsk\u00f6rper. Politische Herrschaft in Zeiten einer Gesundheitskrise"},"content":{"rendered":"<p><em>Von <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschungszentrum-gotha\/ueber-uns\/personen\/professorinnen\/pd-dr-benjamin-steiner\">Benjamin Steiner<\/a><\/em><\/p>\n<p>Pandemien beseitigen \u00fcblicherweise keine politischen Regime, manchmal jedoch Amtstr\u00e4ger. Immer dann, wenn der Inhaber eines hohen \u00f6ffentlichen Amtes betroffen ist, scheint es Bef\u00fcrchtungen zu geben, dass die Gesundheitskrise sich direkt auf die politische Ordnung auswirkt. Als der britische Premierminister Boris Johnson am 6. April 2020 aufgrund seiner Erkrankung mit SARS-CoV-2 auf die Intensivstation verlegt wurde, habe er, so vertraute er der Zeitung <em>Sun on Sunday<\/em> an, an den Film \u201eDeath of Stalin\u201c aus dem Jahre 2017 gedacht. Er habe eine, so Johnson, Strategie f\u00fcr das \u201eSzenario\u201c \u2013 gemeint war damit sein m\u00f6glicher Tod \u2013 in Planung gehabt.<\/p>\n<p>Die historische Referenz auf einen Film, in dem der sterbende Stalin einige Stunden auf dem Boden seines Arbeitszimmers liegen gelassen wird, ohne dass sich ihm ein Arzt widmet, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sie ist nicht nur ein offensichtlich ironisch gemeinter Vergleich, sondern wirft Fragen nach dem Verh\u00e4ltnis von medizinischer und politischer Krise auf: Was passiert mit den politischen Institutionen w\u00e4hrend einer globalen Gesundheitskrise? Bleiben sie stabil? Reagieren sie angemessen auf eine biologische Bedrohung der Gesellschaft oder leiden sie selbst unter der Krise? Wie reagieren Individuen in hohen Staats\u00e4mtern auf die Herausforderung der Pandemie, die mitunter selbst vor ihren eigenen K\u00f6rpern nicht Halt macht? Im Folgenden soll der Sprung in eine fr\u00fchere Epoche genutzt werden, um den Zusammenhang von Krankheit und politischer Herrschaft auf eine Weise zu betrachten, der unserem modernen Staatsverst\u00e4ndnis zun\u00e4chst fremd scheint.<\/p>\n<p>Verglichen mit dem in diesen Wochen grassierenden Virus waren vormoderne Seuchen h\u00e4ufiger, t\u00f6dlicher und bedrohten die politische Ordnung in einem heute nur schwer vorstellbaren Ma\u00dfe. Vielleicht war es diese allgemeine Unsicherheitserfahrung, von einer unsichtbaren und h\u00e4ufig unbekannten Krankheit heimgesucht und lebensbedroht zu werden, die schon antike Autoren dazu verleitete, politische Ordnungen mit Hilfe von medizinischen Metaphern zu beschreiben. So entstand die Vorstellung eines \u201eStaatsk\u00f6rpers\u201c oder <em>Body Politic<\/em>. Eines K\u00f6rpers also, von dem man annahm, dass er \u00e4hnlich wie der menschliche K\u00f6rper gestaltet sei. Er konnte wohlgestaltet, mit ebenm\u00e4\u00dfigen Gliedern, sch\u00f6n oder h\u00e4sslich, stark oder schwach sein, aber eben auch erkranken. Wenn das der Fall war, dann nutzte man den Begriff der <em>Kr\u00edsis<\/em> und damit den Fachbegriff der hippokratischen Lehre, der f\u00fcr eine pl\u00f6tzliche Ver\u00e4nderung des Gesundheitszustandes stand.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang von medizinischer und politischer Krise hat mich schon fr\u00fch w\u00e4hrend meines Studiums fasziniert, auch wenn ich ihn lange nur f\u00fcr einen Zufall hielt. Denn auch die \u201eorganologische\u201c Staatsauffassung war ja \u201enur\u201c ein rhetorisches Stilmittel. Mit diesem konnte man etwa rechtfertigen, dass grausame Ma\u00dfnahmen, wie z.B. die Niederschlagung eines Aufstandes, gleich einer chirurgisch erfolgten Amputation, zwar \u00fcbel, aber dennoch notwendig sei. Man rettete damit schlie\u00dflich das Gemeinwesen, was zum Wohle aller war, und konnte gleichsam auf die \u00e4rztliche Notversorgung als bew\u00e4hrtes Vorbild dieser politischen Ma\u00dfnahme verweisen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4744\" aria-describedby=\"caption-attachment-4744\" style=\"width: 525px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-4744\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/s3_V0034000_V0034330-1024x770.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"395\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/s3_V0034000_V0034330-1024x770.jpg 1024w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/s3_V0034000_V0034330-300x226.jpg 300w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/s3_V0034000_V0034330-768x578.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/s3_V0034000_V0034330-1536x1156.jpg 1536w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/s3_V0034000_V0034330.jpg 1559w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4744\" class=\"wp-caption-text\">Der kranke K\u00f6nig Hiskias, umgeben von Soldaten und Ministern (2. K\u00f6nige, Kap. 20), Kupferstich, 17. Jh., London, Wellcome Library, no. 20022i. <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/4.0\/\">Creative Commons BY 4.0<\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das klingt einigerma\u00dfen durchschaubar nach einer obrigkeitlichen Legitimationsstrategie. Gerade Alleinherrscher waren pr\u00e4destiniert, sich solcher Mittel zur Herrschaftssicherung zu bedienen. Das christliche Mittelalter, so hat der Historiker Ernst Kantorowicz schon vor fast 70 Jahren gezeigt, ging sogar so weit, den Monarchen selbst als Tr\u00e4ger dieses politischen K\u00f6rpers anzusehen. Dieser zweite K\u00f6rper war jedoch anders als sein erster unsterblich. Das Prinzip der Monarchie war in dieser Unsterblichkeit begr\u00fcndet: Verschied ein Monarch, so bestand der politische K\u00f6rper in seinem Nachfolger fort. Ausdruck bekam diese Vorstellung in den elaborierten Kr\u00f6nungs- und Begr\u00e4bnisritualen, die nicht nur die individuelle Inthronisierung und den Tod eines Herrschers zeremoniell begleiteten, sondern auch den \u00dcbergang des Staatsk\u00f6rpers als mystischen Vorgang inszenierten. Die christlichen Herrscher empfingen die g\u00f6ttliche Gnade in Form von heiligen \u00d6len, der Segnung eines Priesters und den Zeichen alttestamentarischen K\u00f6nigtums.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4745\" aria-describedby=\"caption-attachment-4745\" style=\"width: 525px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-4745\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/La_pompeuse_et_magnifique_repr\u00e9sentation_..._btv1b8404303k_1-1024x798.jpeg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"409\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/La_pompeuse_et_magnifique_repr\u00e9sentation_..._btv1b8404303k_1-1024x798.jpeg 1024w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/La_pompeuse_et_magnifique_repr\u00e9sentation_..._btv1b8404303k_1-300x234.jpeg 300w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/La_pompeuse_et_magnifique_repr\u00e9sentation_..._btv1b8404303k_1-768x599.jpeg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/La_pompeuse_et_magnifique_repr\u00e9sentation_..._btv1b8404303k_1.jpeg 1352w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4745\" class=\"wp-caption-text\">Die Salbung Ludwigs XIV., K\u00f6nig von Frankreich und Navarra: La pompeuse et magnifique repr\u00e9sentation du sacre de Louix XIV tr\u00e8s-chrestien Roy de France et de Navarre, Kupferstich, 17. Jahrhundert, Paris, Biblioth\u00e8que national de France, Collection Hennin, 3691.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Allerdings wies dieses bis ins juristische Detail ausgefeilte Rechtfertigungskonzept monarchischer Herrschaft eine gewaltige L\u00fccke auf, die umso erstaunlicher wirkt, da sie fast immer zu Tage treten musste. Die enge Verkn\u00fcpfung eines individuellen Tr\u00e4gers mit dem prinzipiell unsterblichen Staatsk\u00f6rper war auf tragische Weise symbiotisch. Wie ein menschlicher K\u00f6rper konnte auch der politische Staatsk\u00f6rper von Krankheiten befallen werden und sogar, trotz seiner prinzipiellen Unsterblichkeit, ein zeitliches Ende erleiden, das unmittelbar an jenes seines Tr\u00e4gers gekoppelt war. Obwohl dieser Gedanke naheliegen mag, so fehlt seine Ausf\u00fchrung im theoretischen Schrifttum der Zeit. Selbst in der Forschungsliteratur zu diesem Komplex spielt er kaum eine Rolle.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4747\" aria-describedby=\"caption-attachment-4747\" style=\"width: 525px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4747\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Elizabeth1.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"682\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Elizabeth1.jpg 591w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Elizabeth1-231x300.jpg 231w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4747\" class=\"wp-caption-text\">Nicholas Hilliard: Elizabeth I., K\u00f6nigin von England, das sogenannte Pelican-Portr\u00e4t, 1573-1575, Liverpool, Walker Art Gallery. Wikimedia Commons.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es handelt sich um den \u201eElefanten\u201c im Raum der vormodernen Staatsauffassung. Der verwendete Anglizismus gibt Anlass, das an einem englischen Beispiel zu erkl\u00e4ren: Elizabeth I. war als K\u00f6nigin von England eine gesalbte Herrscherin, also von Gottes Gnaden die legitime Tr\u00e4gerin des <em>body politic<\/em>. War sie deswegen weniger menschlich als ihre Untertanen? Eigentlich konnte ihr das egal sein, da sie die H\u00fclle ihres zweiten K\u00f6rpers gegen Anw\u00fcrfe wegen ihrer menschlichen Natur sch\u00fctzen sollte. Das war es jedoch nicht! Elizabeth legte au\u00dferordentlich hohen Wert darauf, dass sie selbst nicht krank werden k\u00f6nne. Wenn jemand anderes behauptete, erweckte das ihren Zorn. Sie werte dies als Angriff auf ihre W\u00fcrde <em>und<\/em> die der Nation. War die Krankheit un\u00fcbersehbar, ihr Fehlen am Hof und vor ihren R\u00e4ten nicht mehr zu verheimlichen, stellte sie sich, wie bei ihrer schweren Pockenerkrankung 1562, offensiv m\u00f6glicher Kritik entgegen: Vor dem Parlament wollte sie ihren Zuh\u00f6rern erkl\u00e4ren, dass sie sich w\u00e4hrend ihrer Krankheit nicht um sich selbst, sondern um die Sicherheit ihrer Untertanen sorgte, <em>not [&#8230;] so much for myne owne safety, as for yours. <\/em>Nicht ihr Leben sei in Gefahr gewesen, sondern jenes des ganzen Staates. Damit belegte sie mit eigenen Worten die symbiotische Beziehung, die ihr K\u00f6rper mit jenem des Staates hatte, und die im Moment der Krise besonders zur Geltung kam.<\/p>\n<p>Die Pocken indes, an denen nicht nur Elizabeth, sondern auch viele Angeh\u00f6rige des englischen Hofes in dieser Zeit so schwer erkrankten, dass sie entweder starben oder schwere Entstellungen im Gesicht davontrugen, waren eine der gro\u00dfen pandemischen Erscheinungen der Fr\u00fchen Neuzeit. Erst die jahrhundertelangen Bem\u00fchungen, die anf\u00e4nglich nebenwirkungsreiche Impfung fl\u00e4chendeckend durchzusetzen, hat zur Ausrottung dieser sechsten \u201e\u00e4gyptischen\u201c Plage im Jahre 1980 gef\u00fchrt. Sie hatte die Menschheit seit beinahe 12.000 Jahren begleitet und in unterschiedlichsten Kontexten das Schicksal ganzer Gesellschaften auf Gedeih und Verderb gepr\u00e4gt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4746\" aria-describedby=\"caption-attachment-4746\" style=\"width: 525px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-4746\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Fran\u00e7ois-Hubert_Drouais_-_Louis_XV_-_1773-817x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"658\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Fran\u00e7ois-Hubert_Drouais_-_Louis_XV_-_1773-817x1024.jpg 817w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Fran\u00e7ois-Hubert_Drouais_-_Louis_XV_-_1773-239x300.jpg 239w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Fran\u00e7ois-Hubert_Drouais_-_Louis_XV_-_1773-768x962.jpg 768w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Fran\u00e7ois-Hubert_Drouais_-_Louis_XV_-_1773.jpg 956w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4746\" class=\"wp-caption-text\">Fran\u00e7ois-Hubert Drouais: Ludwig XV. von Frankreich, 1773, Versailles, Schlossmuseum Versailles. Wikimedia Commons.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es waren dieselben Pocken, die einer weiteren Herrscherpers\u00f6nlichkeit aufzeigten, wie verg\u00e4nglich der nat\u00fcrliche K\u00f6rper und wie fragil die H\u00fclle des Staatsk\u00f6rpers f\u00fcr ein Individuum sein konnte: Ludwig XV. von Frankreich erkrankte, nahezu am Vorabend der Revolution \u2013 der politischen Krise schlechthin \u2013 an dieser auch in den Pal\u00e4sten von Versailles und Paris grassierenden Seuche. Den dramatischen Verlauf dieser letzten zehn Tage seines Lebens schildert der Herzog von Cro\u00ff in seinem Journal, das mittlerweile auch als deutsche \u00dcbersetzung in einer Ausgabe von Hans Pleschinski auszugsweise vorliegt. Der kranke Herrscher ist seiner Umgebung auf eine Weise ausgesetzt, wie man sie eigentlich dem schlimmsten Tyrannen nicht w\u00fcnschen mag. Die politische Spaltung der h\u00f6fischen Gesellschaft verhinderte den Zugang der \u00c4rzte zum Patienten, der immer kr\u00e4nker wurde, ohne dass sich irgendwer ihm zu n\u00e4hern erlaubte. Auch die Seelsorger hielten bis zuletzt den Mindestabstand ein, der hier weniger Gebot der drohenden Ansteckungsgefahr war, als die Furcht sich auf die Seite eines sterbenden und damit wertlos werdenden politischen Akteurs zu stellen. Dadurch erfuhr der K\u00f6nig auch nicht, an was er litt; niemand sprach mit ihm \u00fcber seine immer offensichtlicher werdende Pockenerkrankung. Am Ende verstand man Ludwig auch nicht mehr, wenn er zu sprechen versuchte. So sehr hatten die eitrigen Geschw\u00fcre und Pusteln seinen Kopf anschwellen lassen, dass de Cro\u00ff ihn mit einer \u201e\u00fcberlebensgro\u00dfen Bronzemaske\u201c vergleicht, \u201eeine reglose B\u00fcste, offener Mund, wobei dennoch sein Antlitz ahnbar blieb, keine Unruhe darin; der Kopf eines Mohren, eines Negers, eiterkrustig, wie verkupfert und riesig.\u201c Wenige Tage sp\u00e4ter war der K\u00f6nig tot. Sein Leichnam wurde in einem Bleisarg, inkognito und ohne Zeremoniell in Saint-Denis beigesetzt.<\/p>\n<p>Der Tod des vorletzten K\u00f6nigs von Frankreich bedeutete noch nicht jenen des Staatsk\u00f6rpers des Ancien R\u00e9gime. Der Nachfolger wurde binnen Minuten zum neuen K\u00f6nig ausgerufen, der alte Herrscher fast vergessen und unbemerkt betrauert. Doch ist die Erz\u00e4hlung des Herzogs von Cro\u00ff freilich keine Eloge auf die Monarchie. In seiner Darstellung klingt eine andere Krise als die des pockenkranken K\u00f6nigs an: Das politische System kriselte, konnte sich tats\u00e4chlich nicht mehr erholen, sondern zerbrach endg\u00fcltig, als auf dem Schafott nicht nur Ludwig XVI., sondern auch die franz\u00f6sische Monarchie starb.<\/p>\n<p>Auf gewisse Weise h\u00e4tte sich Boris Johnson in der ersten Aprilwoche dieses Jahres anstelle von Stalin \u2013 genauso wenig schmeichelhaft f\u00fcr einen gew\u00e4hlten Politiker \u2013 auch mit Ludwig XV. vergleichen k\u00f6nnen. Die Ph\u00e4nomenologie der einsam sterbenden Herrscher ist im Prinzip dieselbe. Allerdings erging es dem Premierminister im Verlauf seiner ernsten Erkrankung zu keinem Zeitpunkt wie dem Herrscher der Sowjetunion. Auch teilte er nicht das tragische Schicksal des K\u00f6nigs von Frankreich. Vielmehr wurde Johnson von den \u00c4rzten des britischen National Health Service wohl umsorgt und konnte wenige Tage sp\u00e4ter die Klinik als Genesener wieder verlassen. Ging es bei dem Stalinvergleich also gar nicht um die Furcht, sein eigenes Leben zu verlieren?<\/p>\n<p>Eine andere Interpretation scheint m\u00f6glich: Johnsons historische Referenz verweist indirekt auf die vormoderne Vorstellung des <em>Body Politic<\/em>. Seine Sorge, so k\u00f6nnte man ihn verstehen, galt w\u00e4hrend seiner Krankheit gar nicht ihm selbst, sondern, wie einst Elizabeth I., dem Wohl des Staatsk\u00f6rpers. Eine solches Rollenverst\u00e4ndnis, mit seinem eigenen K\u00f6rper mit dem der Nation verbunden zu sein, w\u00e4re allerdings f\u00fcr einen Staatsdiener wie ihn eine Anma\u00dfung. Die Anma\u00dfung einer Souver\u00e4nit\u00e4t, die im Vereinigten K\u00f6nigreich immer noch der Monarchin zukommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Benjamin Steiner Pandemien beseitigen \u00fcblicherweise keine politischen Regime, manchmal jedoch Amtstr\u00e4ger. Immer dann, wenn der Inhaber eines hohen \u00f6ffentlichen Amtes betroffen ist, scheint es Bef\u00fcrchtungen zu geben, dass die Gesundheitskrise sich direkt auf die politische Ordnung auswirkt. Als der britische Premierminister Boris Johnson am 6. April 2020 aufgrund seiner Erkrankung mit SARS-CoV-2 auf die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4748\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDer kranke Staatsk\u00f6rper. 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