{"id":4805,"date":"2020-09-09T14:00:30","date_gmt":"2020-09-09T12:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/?p=4805"},"modified":"2020-09-10T10:14:14","modified_gmt":"2020-09-10T08:14:14","slug":"lets-talk-about-reviews-rezensionen-zwischen-norm-und-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/4805","title":{"rendered":"Let\u2019s Talk about Reviews. Rezensionen zwischen Norm und Praxis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wozu ben\u00f6tigen die Wissenschaften \u00fcberhaupt Rezensionen? Und warum scheint sich das Rezensionswesen fortlaufend in der Krise zu befinden? <\/strong><a href=\"https:\/\/www.geschichte.uni-konstanz.de\/schloegl\/team\/mitarbeiterinnen\/dr-jan-marco-sawilla\/\"><strong><em>Jan Marco Sawilla<\/em><\/strong><\/a><strong>, Historiker an der Universit\u00e4t Konstanz und ehemaliger <\/strong><a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschungszentrum-gotha\/stipendien\/ueber-das-stipendienprogramm\/profil\"><strong>Herzog-Ernst-Stipendiat<\/strong><\/a><strong> in Gotha, \u00fcber ein Ph\u00e4nomen, das in der wissenschaftlichen Debatte oft zu kurz kommt.<\/strong><\/p>\n<p><em>Der vorliegende Text geht auf eine Veranstaltung im Rahmen des \u201eTuesday Morning Meetings&#8220; am <\/em><a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschungszentrum-gotha\"><em>Forschungszentrum Gotha<\/em><\/a><em> zur\u00fcck (22. Oktober 2019).<\/em><\/p>\n<p><strong>\u201eAuf jeden Fall ist die Sache ungeheuer ernst\u201c? Zur Funktion und Anlage des wissenschaftlichen Rezensionswesens<\/strong><\/p>\n<p>Wer rezensiert, wei\u00df \u00fcber die Standards wissenschaftlichen Arbeitens genau Bescheid. Wer rezensiert, spricht im Namen der Wissenschaft. Wer rezensiert, kennt jedes Wort des rezensierten Buchs. Wer rezensiert, macht es sich nicht leicht. Wer rezensiert, denkt dar\u00fcber nach, was von einer Rezension erwartet wird. Wer rezensiert, dem oder der liegen die Wissenschaften am Herzen. Wer rezensiert, sch\u00e4tzt B\u00fccher \u2013 und vor allem solche, die nicht langweilig sind. Wer rezensiert, wei\u00df aber auch, dass \u201eLangweiligkeit\u201c kein wissenschaftliches Kriterium ist.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Ohne Rezensionen w\u00fcrde es die Wissenschaften in der gegenw\u00e4rtigen Form vermutlich gar nicht geben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4807\" aria-describedby=\"caption-attachment-4807\" style=\"width: 545px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4807\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-1.jpg\" alt=\"\" width=\"545\" height=\"436\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-1.jpg 545w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-1-300x240.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 545px) 100vw, 545px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4807\" class=\"wp-caption-text\">Francisco Ib\u00e1\u00f1ez Hantke: Unsustainable Structures 1 (2015),<br \/>\u00a9 2020 <a href=\"http:\/\/www.estudioibanez.com\/\">Estudio Ibanez<\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Das Rezensionswesen \u2013 Eine Struktur unter Druck?<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1970 \u00e4u\u00dferten die Soziologen Lawrence E. Riley und Elmer A. Spreitzer die Vermutung, dass Rezensionen als \u201esecond-class citizens of scientific literature\u201c betrachtet w\u00fcrden.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Diese Vermutung st\u00fctzten sie auf einen Fragebogen, den sie an die Rezensionsredaktionen dreier wichtiger soziologischer Zeitschriften geschickt hatten. Das Ergebnis schien Riley und Spreitzer ern\u00fcchternd zu sein. Von den Formalia abgesehen, w\u00fcrden kaum einheitliche Kriterien existieren, die bei der Rezension eines Buchs zugrundegelegt w\u00fcrden. Der editorische Prozess, den die Besprechungen durchliefen, sei in hohem Ma\u00dfe informell geregelt und durch einen Mangel an Ressourcen gekennzeichnet. Die Auswahl der B\u00fccher und der Rezensentinnen und Rezensenten wiederum zeige sich vor allem der wissenschaftlichen Erfahrung und dem pers\u00f6nlichen Ermessen der Redakteurinnen und Redakteure verpflichtet.<\/p>\n<p>Rileys und Spreitzers Diktum von den \u201esecond-class citizens\u201c ist in den letzten Jahren fast zu einem gefl\u00fcgelten Wort geworden.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Dieses zu aktualisieren mag dann von Interesse sein, wenn man sich, wie unl\u00e4ngst Erika Thomalla, mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie es zu dem \u201eGeltungsverlust\u201c kommen konnte, den das Rezensionswesen seit den 1970er Jahren zu durchlaufen scheint.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Will man sich aber, wie an vorliegender Stelle, in erster Linie Klarheit dar\u00fcber verschaffen, was das Rezensionswesen als solches ausmacht, dann ist es wenig hilfreich, es vorschnell den weniger gehaltvollen Zweigen der wissenschaftlichen Publizistik zuzuschlagen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Falls sich das Rezensionswesen in einem derart problematischen Zustand befinden sollte, wie es immer wieder postuliert wird, dann stellt sich sogar fast die umgekehrte Frage, weshalb es nicht schon l\u00e4ngst kollabiert ist: Wozu ben\u00f6tigen die Wissenschaften \u00fcberhaupt Rezensionen? Welche Funktionen, die nicht ohne weiteres zu ersetzen sind, erf\u00fcllen sie?<\/p>\n<figure id=\"attachment_4809\" aria-describedby=\"caption-attachment-4809\" style=\"width: 366px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4809\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-2.jpg\" alt=\"\" width=\"366\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-2.jpg 366w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-2-214x300.jpg 214w\" sizes=\"(max-width: 366px) 100vw, 366px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4809\" class=\"wp-caption-text\">Francisco Ib\u00e1\u00f1ez Hantke: Unsustainable Structures 3 (2017), \u00a9 2020 <a href=\"http:\/\/www.estudioibanez.com\/\">Estudio Ibanez<\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Rezensionen \u2013 Kleine Formen der wissenschaftlichen Selbstbeobachtung<\/strong><\/p>\n<p>Fragt man also danach, was der Sinn und Zweck des wissenschaftlichen Rezensionswesens sein k\u00f6nnte, dann scheint dies fast gleichbedeutend mit der Frage zu sein, was genau es mit \u201eden kleinen polemisch-professionellen Aktivit\u00e4ten\u201c auf sich haben mag, \u201edie den Namen Kritik tragen.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Wenn man dabei davon ausgeht, dass mit \u201eKritik\u201c eine T\u00e4tigkeit angesprochen ist, die nicht nur darauf abzielt, Werturteile zu f\u00e4llen, sondern auch darauf, das \u201eSystem der Bewertung selbst\u201c der Reflexion zug\u00e4nglich zu machen,<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> dann hat man einen ersten Hinweis darauf, worin die Leistung des Rezensionswesens bestehen k\u00f6nnte. Man w\u00fcrde dann n\u00e4mlich sagen k\u00f6nnen, dass Rezensionen als Medien der wissenschaftlichen Selbstbeobachtung in einem durchaus komplexen Sinn zu betrachten sind. In dieser Eigenschaft w\u00fcrden sie weniger dazu beitragen, neues Sachwissen zu produzieren. Vielmehr best\u00fcnde ihre wichtigste Funktion dann darin, ein Wissen vom Wissen zur Verf\u00fcgung zu stellen, mit dem Ziel, sich \u00fcber die von den Wissenschaften selbst verfolgten Erkenntnisinteressen sowie \u00fcber die von ihnen kultivierten Verfahren und Methoden zu verst\u00e4ndigen.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Der Impuls, der einer Rezension zugrunde liegt, also neu erarbeitete Kenntnisse oder neue Ans\u00e4tze auf ihre Tragf\u00e4higkeit hin zu \u00fcberpr\u00fcfen, w\u00e4re in diesem Sinn nur eine Funktion dessen, was das Rezensionswesen insgesamt zu leisten vermag.<\/p>\n<p><strong>Eine wissenschaftliche Rezension ist keine Filmkritik<\/strong><\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage wird auch deutlich, worin sich das wissenschaftliche Rezensionswesen von jenen Formen der Kunst- oder Literaturkritik unterscheidet, mit denen es zumeist in einem Atemzug genannt wird.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Die Besprechung von Romanen oder Ausstellungen, von Filmen oder Theaterproduktionen in den Feuilletons der Tages- und Wochenzeitungen erfolgt von einem Standpunkt aus, der mit dem Standpunkt des Publikums zur Deckung kommt. Die Kritikerin oder der Kritiker sitzt im Publikum und spricht aus dessen Perspektive. Diese Trennung zwischen der Produktion von Kunst und ihrer Rezeption ist konstitutiv f\u00fcr den Kulturbetrieb\u00a0\u2013 auch wenn Kunst diese Grenze immer wieder zu problematisieren sucht. In jedem Fall aber erhebt Kunstkritik in der Regel nicht den Anspruch, selbst Kunst zu sein. In den Wissenschaften verh\u00e4lt sich dies anders. Wissenschaftliche Rezensionen werden von jenen verfasst, die selbst mit der professionellen Produktion neuen Wissens besch\u00e4ftigt sind oder zumindest \u00fcber entsprechende Erfahrungen verf\u00fcgen. Sie sind immanenter Bestandteil der Selbstverst\u00e4ndigung der Wissenschaften und in dieser Eigenschaft bislang nicht zu ersetzen.<\/p>\n<p><strong>Holistik \u2013 Sprechen im Namen der Wissenschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Rezensionen wird eine hohe Verbindlichkeit zugeschrieben. Das hat verschiedene Gr\u00fcnde: Erstens widmen sich Rezensionen dem wissenschaftlichen Buch in seiner Gesamtheit, und zwar in seiner Eigenschaft als Buch. Das bedeutet, dass nicht nur dessen Inhalte evaluiert werden k\u00f6nnen, sondern auch all seine formalen und materiellen Bestandteile \u2013 vom Klappentext \u00fcber die Qualit\u00e4t der Abbildungen bis hin zum Layout und Kaufpreis. Zweitens scheint mit diesem ganzheitlichen Zugriff auch die wissenschaftliche Kompetenz derjenigen mit auf dem Spiel zu stehen, die ein Buch verfasst oder herausgegeben haben. Der R\u00fcckschluss von der Beschaffenheit eines Buchs auf die intellektuellen F\u00e4higkeiten derer, die es hervorgebracht haben, steht jedenfalls mit im Raum. Dies gilt allerdings auch, drittens, f\u00fcr diejenigen, die Rezensionen schreiben. Diese sollten zu erkennen geben, dass sie \u00fcber die Standards wissenschaftlichen Arbeitens Bescheid wissen, dass sie bestimmte Forschungsfelder \u00fcberblicken und \u00fcberhaupt in der Lage sind, im Namen der Wissenschaften sprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das alles macht Rezensionen zu einer ernsten Angelegenheit. Einem Einwand auf einer Tagung haftet etwas Subjektives an. Er ist schnell erhoben und ebenso schnell vergessen. Die Rezension allerdings bleibt. Im Duktus strenger Sachrationalit\u00e4t verfasst, bem\u00fcht sie sich um eine Position der Souver\u00e4nit\u00e4t. Das kann dazu f\u00fchren, dass manche Rezensentinnen oder Rezensenten den Eindruck erwecken, dass sie das in Rede stehende Buch viel besser geschrieben h\u00e4tten als diejenigen, die es erarbeitet haben. Das sind dann die F\u00e4lle, in denen es mit der f\u00fcr das Rezensionswesen konstitutiven Ernsthaftigkeit \u00fcbertrieben werden kann. Als Rudolph M. Bell von <em>Renaissance Quarterly <\/em>gefragt wurde, ob er Judith C. Browns <em>Immodest Acts. The Life of a Lesbian Nun in Renaissance Italy <\/em>von 1986 besprechen wollte, nutzte er seinen eigenen Aufenthalt in Florenz, um die von Brown konsultierten Archivalien selbst zu sichten. Im Resultat legte Bell eine rund 18\u00a0Seiten umfassende Abhandlung vor, aus der man vor allem lernen konnte, dass die Interpretation fr\u00fchneuzeitlicher Archivalien eine komplexe Sache ist und unzweideutige Lesarten selten sind.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Jedenfalls erschloss sich aus der Lekt\u00fcre dieser Rezension keineswegs, weshalb sich Bell derart breit mit dem empirischen Fundament von <em>Immodest Acts <\/em>befasst hatte.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Der Anspruch, Browns Lekt\u00fcren von ihren Grundlagen her zu problematisieren, hatte hier kaum etwas anderes zur Folge als eine wenig produktive Zwistigkeit.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Vermutlich w\u00e4re es f\u00fcr Au\u00dfenstehende interessanter gewesen, h\u00e4tte sich Bell einfach auf das zu besprechende Buch konzentriert.<\/p>\n<p><strong>Ma\u00dfst\u00e4be setzen \u2013 Ma\u00dfst\u00e4be perpetuieren<\/strong><\/p>\n<p>Wenn eben gesagt wurde, dass die Rezension einem Buch in seiner Gesamtheit gilt, dann hei\u00dft dies nicht, dass das Buch der eigentliche Gegenstand der Rezension ist. Der eigentliche Gegenstand der Rezension sind vielmehr wissenschaftliche Normerwartungen. Diese Normerwartungen kommen im Rezensionswesen auf ganz unterschiedlichen Ebenen zum Tragen. Zun\u00e4chst richten sich an ihnen jene Kriterien aus, nach deren Ma\u00dfgabe ein \u201eWissensangebot\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> bewertet wird: Ist der Aufbau schl\u00fcssig, die Argumentation stringent, die Thesenbildung \u00fcberzeugend? Was genau es allerdings hei\u00dft, einen schl\u00fcssigen Aufbau, eine stringente Argumentation und eine \u00fcberzeugende Thesenbildung als solche zu erkennen, wird\u00a0\u2013 wie eingangs angedeutet\u00a0\u2013 nur selten im Detail erl\u00e4utert.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Selbst die Richtlinien, die Portale wie <a href=\"https:\/\/www.hsozkult.de\/\"><em>H-Soz-Kult<\/em><\/a> und <a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/\"><em>Sehepunkte<\/em><\/a> entwickelt haben, sind in dieser Hinsicht vergleichsweise vage.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stellt die Lekt\u00fcre von Rezensionen selbst die wahrscheinlich beste M\u00f6glichkeit dar, um sich mit den in den Wissenschaften ventilierten Kriterien f\u00fcr wissenschaftliche Qualit\u00e4t vertraut zu machen. Das hei\u00dft, dass derlei Kriterien in Rezensionen nicht einfach \u201eangewendet\u201c, sondern stets auf Neue aktualisiert werden, und zwar mit Blick auf die antizipierten Normerwartungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Technisch gesprochen wird man daher sagen k\u00f6nnen: Rezensionen prozessieren wissenschaftliche Normerwartungen. B\u00fccher werden demnach im Wissen um diese Normerwartungen geschrieben und im Wissen darum, dass diese bei Lekt\u00fcre des Buchs in Anschlag gebracht werden k\u00f6nnen. Rezensionen wiederum konkretisieren M\u00f6glichkeiten normativer Lekt\u00fcren eines Buchs im Namen der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Damit w\u00e4ren die Konturen eines Prozesses umschrieben, der entscheidend dazu beitr\u00e4gt, die Arbeit an neuem Wissen mit der fortlaufenden Reflexion eigener und fremder Normerwartungen in Beziehung zu setzen.<\/p>\n<p><strong>Strukturen umbauen \u2013 Strukturen aufbauen<\/strong><\/p>\n<p>Neben dieser im weiteren Sinne epistemologischen Funktion sorgen Rezensionen nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Verbreitung von Informationen. Sie bieten Orientierungswissen, was Inhalt und Qualit\u00e4t der besprochenen B\u00fccher anbelangt. Auch dieser Aspekt ist allerdings noch etwas genauer zu betrachten, und zwar im Hinblick auf die Frage, welche Rolle Rezensionsportale oder Zeitschriften in diesem Rahmen spielen. Bereits Riley und Spreitzer betonten, dass es angesichts eines nur noch schwer zu \u00fcberblickenden Buchmarkts die Aufgabe der Redaktionen sei, eine Art Vorselektion vorzunehmen. Dass dies nicht nur Ausdruck patriarchaler oder matriarchaler Willk\u00fcr sein muss, zeigt sich gerade dort, wo Redaktionen eine aktive Rezensionspolitik betreiben\u00a0\u2013 und dies auch kommunizieren. So gab die <a href=\"https:\/\/www.historians.org\/publications-and-directories\/american-historical-review\"><em>American Historical Review <\/em><\/a>im Jahr 2019 bekannt, dass man in den kommenden Jahren beabsichtige, die deutlich unterrepr\u00e4sentierte Sektion zum <em>Global South <\/em>auszubauen.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Ma\u00dfnahmen wie diese k\u00f6nnen nicht nur dazu beitragen, dass bestimmten B\u00fcchern mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Vielmehr sind sie auch als Teil des Anspruchs zu verstehen, strukturierend in die Wissenschaftslandschaft einzugreifen. Zwar kann eine Zeitschriftenredaktion nicht in einem urs\u00e4chlichen Sinn Projektf\u00f6rderung betreiben. Sie ist jedoch in der Lage, wichtige Impulse zu setzen, zu kanalisieren und zu b\u00fcndeln, was die Pr\u00e4senz dieses oder jenes Themenfelds betrifft.<a href=\"#_ftn17\">[17]<\/a> In diesen Zusammenhang fallen auch Neugr\u00fcndungen von Zeitschriften, mit deren Hilfe neue Forschungsschwerpunkte als solche \u00fcberhaupt erst profiliert werden k\u00f6nnen. M\u00f6glicherweise w\u00e4re es sinnvoller, sich intensiver damit auseinanderzusetzen, welche Bedeutung das Rezensionswesen im Kontext solcher Auf- und Umbauprozesse besitzt, als sich immer wieder an dessen faktischer oder vermeintlicher Degeneration abzuarbeiten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4808\" aria-describedby=\"caption-attachment-4808\" style=\"width: 433px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4808\" src=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-3.jpg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"606\" srcset=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-3.jpg 433w, https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitrag-Sawilla-3-214x300.jpg 214w\" sizes=\"(max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4808\" class=\"wp-caption-text\">Francisco Ib\u00e1\u00f1ez Hantke: Naked Structures 1 (2018), \u00a9 2020 <a href=\"http:\/\/www.estudioibanez.com\/\">Estudio Ibanez<\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Zum Schluss \u2013 Wissenschaftssystematik<\/strong><\/p>\n<p>Ein kurzes Res\u00fcmee k\u00f6nnte so aussehen: Es gibt keine Rezensionen, aus denen man nichts lernen kann. Ein etwas ausf\u00fchrlicheres Res\u00fcmee hingegen h\u00e4tte bei der Feststellung anzusetzen, dass man sicher auf eine Vielzahl von Rezensionen st\u00f6\u00dft, die eine agonale Anlage aufweisen\u00a0\u2013 Bell vs. Brown.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref17\">[18]<\/a> Das Rezensionswesen als solches folgt allerdings nicht dem Prinzip des Zweikampfs, sondern dem Prinzip der Beobachtung und Evaluation wissenschaftlicher Beobachtungen. Das Vorhandensein solcher Strukturen, die dieser beobachtenden Position zweiter Ordnung Dichte, Konsistenz und Dauerhaftigkeit verleihen, gilt gemeinhin als eine der Erm\u00f6glichungsbedingungen moderner Wissenschaftlichkeit.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref18\">[19]<\/a> Insofern m\u00f6gen Rezensionen unbeliebt und schlecht beleumundet sein. Reine \u201esecond-class citizens\u201c der Wissenschaftskultur k\u00f6nnen sie aber allein schon aufgrund ihrer wissenschaftssystematischen Bedeutsamkeit gar nicht sein. Das hei\u00dft nicht, dass das Rezensionswesen in der heute etablierten Form nicht kritisiert werden k\u00f6nnte oder sollte. Eine gehaltvolle Alternative ist allerdings nicht in Sicht. Vielleicht wird eine solche dann an Kontur gewinnen, wenn das gedruckte Buch nicht l\u00e4nger das wichtigste Medium sein wird, in dem die Geistes- und Sozialwissenschaften ihre Forschungsertr\u00e4ge kommunizieren. Denn Rezensionen waren und sind nicht zuletzt immer eines: kleine Satelliten in der Gutenberg-Galaxis.<\/p>\n<p><em>Anmerkungen<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Martin Mulsow: Cartesianisimus, Libertinismus und historische Kritik. Neuere Forschungen zur Formation der Moderne um 1700. In: Philosophische Rundschau 42 (1995), S.\u00a0297\u2013314, hier S.\u00a0297.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Lawrence E. Riley, Elmer A. Spreitzer: Book Reviewing in the Social Sciences. In: The American Sociologist 5 (1970), S.\u00a0358\u2013363, hier S.\u00a0361. F\u00fcr einige Literaturhinweise und Gespr\u00e4che danke ich Monika Wulz (Z\u00fcrich).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Friederike Schruhl: Formationen der Praxis. Studien zu Darstellungsformen von Digital Humanities und Literaturwissenschaft. G\u00f6ttingen 2020, S.\u00a0265\u2013270.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Erika Thomalla: Second-Class Citizens. Zur Lage des Rezensionswesens in den Geisteswissenschaften. In: Weimarer Beitr\u00e4ge 63 (2017), S.\u00a0137\u2013145, hier S.\u00a0138.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Anders mag es sich verhalten, wenn man sich damit besch\u00e4ftigt, weshalb Rezensionen bei der Evaluation universit\u00e4rer \u201eLeistungsdaten\u201c kein nennenswertes Gewicht zu besitzen scheinen. Vgl. G\u00fcnter Mey: Elektronisches Publizieren\u00a0\u2013 eine Chance f\u00fcr die Textsorte Rezension? Anmerkungen zur Nutzung des Internet als \u201escholarly review resource\u201c. In: Historical Social Research 29 (2004), S.\u00a0144\u2013172, hier S.\u00a0148f. Dieser wissenschaftspolitische Aspekt sollte allerdings sorgf\u00e4ltig von wissenschaftssystematischen \u00dcberlegungen unterschieden werden, die im Folgenden im Mittelpunkt stehen werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Michel Foucault: Was ist Kritik? Aus d. Franz. v. Walter Seitter. Berlin 1992, S.\u00a08. Einen Einstieg in die historische Seite der Debatte erm\u00f6glichen Christoph Schmitt-Maass: Milieu, Stil und Medien. Umrisse einer Mediologie der Literaturkritik zwischen Fr\u00fcher Neuzeit und Gegenwart. In: KulturPoetik 18 (2018), S.\u00a0225\u2013245; Barry Murnane u.a. (Hg.): Essen, t\u00f6ten, heilen. Praktiken literaturkritischen Schreibens nach 1700. G\u00f6ttingen 2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Judith Butler: Was ist Kritik? Ein Essay \u00fcber Foucaults Tugend. Aus d. Amerik. v. J\u00fcrgen Brenner (2001). In: traversal texts, hg. v. European Institute for Progressive Cultural Policies: https:\/\/transversal.at\/transversal\/0806\/butler\/de (01.06.2020).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> In Anlehnung an Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1992, S.\u00a0167\u2013171, 433\u2013435.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> So bei Wolfgang Harms: Art. Rezension<sup>2<\/sup>. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hg. v. Jan-Dirk M\u00fcller, Bd.\u00a03. Berlin, New York 2003, S.\u00a0281\u2013283.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Rudolph M. Bell: Renaissance Sexuality and the Florentine Archives. An Exchange. The \u201eLesbian\u201c Nun of Judith Brown. A Different Conclusion. In: Renaissance Quarterly 40 (1987), S.\u00a0485\u2013503.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> In diese Richtung zielte auch die Replik von Judith Brown: Response. In: Ebd., S.\u00a0503\u2013509.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Am Ende unterstellte Bell, dass Brown offenbar die Ansicht vertrat, dass einige der in Rede stehenden Dokumente von \u201eGod and His Saints\u201c verfasst worden seien: From Rudolph Bell. In: Ebd., S.\u00a0510. Brown brach daraufhin den Austausch ab, weil er ihr historisch nicht mehr weiterf\u00fchrend zu sein schien: From Judith Brown. In: Ebd., S.\u00a0511.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Luhmann: Wissenschaft (wie Anm.\u00a08), S.\u00a0297.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Vgl. dazu vor allem Nicolai Hannig, Hiram K\u00fcmper: Rezensionen finden\u00a0\u2013 verstehen\u00a0\u2013 schreiben. Z\u00fcrich 2012, S.\u00a084\u2013124.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> H-Soz-Kult, Hinweise zum Verfassen von Buchrezensionen. Stand Januar 2019, abrufbar unter:<a href=\"https:\/\/www.hsozkult.de\/help\/submit\/review (01.08.2020); Sehepunkte. Rezensionsjournal f\u00fcr Geschichtswissenschaften. Richtlinien: http:\/\/www.sehepunkte.de\/richtlinien\/\"> https:\/\/www.hsozkult.de\/help\/submit\/review (01.08.2020); Sehepunkte. Rezensionsjournal f\u00fcr Geschichtswissenschaften. Richtlinien: http:\/\/www.sehepunkte.de\/richtlinien\/<\/a> (01.08.2020).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> A Note on Book Reviews. In: American Historical Review 124 (2019), S.\u00a0170f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\">[17]<\/a> Vgl. exemplarisch Christine Ottner: Zwischen \u201eReferat\u201c und \u201eRecension\u201c. Strukturelle, fachliche und politische Aspekte in den Literaturberichten der MI\u00d6G (1880\u20131900). In: Mitteilungen des Instituts f\u00fcr \u00d6sterreichische Geschichtsforschung 121 (2013), S.\u00a040\u201362, hier S.\u00a059\u201362.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn17\">[18]<\/a> Eine entsprechende Typologie findet sich bei Frank Bardelle: Formen der kritischen Auseinandersetzung oder: Wie man Urteile \u00fcber wissenschaftliche Neuerscheinungen verh\u00e4ngt. In: Zeitschrift f\u00fcr Soziologie 18 (1989), S.\u00a054\u201364, hier S.\u00a056\u201361.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn18\">[19]<\/a> Vgl. Luhmann: Wissenschaft (wie Anm.\u00a08), S.\u00a0167\u2013171.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wozu ben\u00f6tigen die Wissenschaften \u00fcberhaupt Rezensionen? Und warum scheint sich das Rezensionswesen fortlaufend in der Krise zu befinden? Jan Marco Sawilla, Historiker an der Universit\u00e4t Konstanz und ehemaliger Herzog-Ernst-Stipendiat in Gotha, \u00fcber ein Ph\u00e4nomen, das in der wissenschaftlichen Debatte oft zu kurz kommt. 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