{"id":737,"date":"2015-11-25T10:26:14","date_gmt":"2015-11-25T09:26:14","guid":{"rendered":"https:\/\/forschungingotha.wordpress.com\/?p=737"},"modified":"2017-09-09T11:59:15","modified_gmt":"2017-09-09T09:59:15","slug":"tagungsbericht-aufsatze-als-medien-der-charakterbildung-und-menschenfuhrung-in-der-spataufklarung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/737","title":{"rendered":"Tagungsbericht: Aufs\u00e4tze als Medien der Charakterbildung und Menschenf\u00fchrung in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p>Von <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschungszentrum-gotha\/mitar\/robert-heindl-ma\/\">Robert Heindl<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschungszentrum-gotha\/mitar\/lorenza-castella-ma\/\">Lorenza Castella<\/a>, Forschungszentrum Gotha<\/p>\n<p>Vom 25. bis 27. Juni 2015 luden MARKUS MEUMANN und OLAF SIMONS (beide Erfurt\/Gotha) im Rahmen des von ihnen bearbeiteten DFG-Projekts \u201eIlluminatenaufs\u00e4tze im Kontext der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung\u201c zur Tagung \u201eAufs\u00e4tze als Medien der Charakterbildung und Menschenf\u00fchrung in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung\u201c an das Forschungszentrum Gotha der Universit\u00e4t Erfurt ein. Ziel der Konferenz war es, die am Beispiel des Illuminatenordens beobachtete Praxis des gelenkten Schreibens zu vorgegebenen Themen hinsichtlich ihrer Entstehung und ihrer Verbreitung im sp\u00e4teren 18. Jahrhundert n\u00e4her und m\u00f6glichst umfassend zu beleuchten. Das Tagungsprogramm f\u00fchrte daher Studien zu unterschiedlichen Texten und Kontexten vom sp\u00e4teren 17. bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert zusammen. Im Vordergrund standen dabei Praktiken des Schreibens in \u00f6ffentlichen Institutionen (Akademien, Schulwesen, Journale) sowie in Gesellschaften und Geheimb\u00fcnden (Freimaurer, Illuminaten, Gold- und Rosenkreuzer), wobei insbesondere die Frage nach Gemeinsamkeiten bzw. Unterschieden hinsichtlich der Schreib- und Rezeptionssituation \u2013 Themenvergabe, \u00f6ffentlicher Vortrag, Einsendung, Bewertung, \u201eFeedback\u201c \u2013 im Mittelpunkt der Diskussionen stand.<\/p>\n<p>Im Anschluss an eine kurze Einf\u00fchrung in die Thematik der Tagung stellten die beiden Gastgeber ihr Gothaer DFG-Projekt vor, das anhand des Nachlasses von Johann Joachim Christoph Bode und Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der so genannten Schwedenkiste, Verbreitung, Themen und Funktion der Erstellung von Aufs\u00e4tzen innerhalb des Illuminatenordens in den Jahren 1783\u20131787 untersucht. Dabei werden die analysierten Best\u00e4nde nicht nur erschlossen und transkribiert, sondern mittels einer Internetplattform, der \u201eGothaer Illuminaten-Enzyklop\u00e4die Online\u201c, zugleich auch anderen Forschern im Open Access zur Verf\u00fcgung gestellt. Das seit gut einem Jahr bestehende Webportal hat sich mittlerweile zu einem zentralen Ankn\u00fcpfungspunkt der Illuminatenforschung entwickelt und soll in der langfristigen Perspektive zur interaktiven Kooperation zwischen Experten und Interessierten in der weiteren Erschlie\u00dfung der \u00dcberlieferung dieses in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung nach wie vor geheimnisumwitterten Geheimbundes einladen.<\/p>\n<p>Die erste Vortragssektion besch\u00e4ftigte sich mit dem wohl gel\u00e4ufigsten Kontext, in dem auch heute noch Aufs\u00e4tze geschrieben werden: dem (h\u00f6heren) Schulwesen. Aufs\u00e4tze wurden dort zwar erst seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts verfasst, doch bestanden vorher bereits m\u00fcndliche Pr\u00e4sentationsformen, in denen die Sch\u00fcler sich zu einem vorgegebenen Thema \u00e4u\u00dfern mussten, wie JENS NAGEL (Erfurt\/Gotha) in seinem Vortrag \u00fcber die Schulrhetorik am Eisenacher Gymnasium zeigte. Als Textkorpus dienten ihm dabei 119 handschriftlich \u00fcberlieferte sogenannte Valediktionsreden (gewisserma\u00dfen die Vorl\u00e4ufer heutiger Abiturpr\u00fcfungen), welche die Absolventen im Beisein von Lehrern, Eltern und auch lokalen W\u00fcrdentr\u00e4gern nach vorgegebenen rhetorischen Regeln \u201eex prompta memoria\u201c halten mussten. Dass dann, wie Otto Ludwig in seinem Standardwerk \u201eDer Schulaufsatz\u201c (1988) herausgestellt hat, ab etwa 1780 (zuvor gab es \u00dcbergangsformen wie die sog. \u201eBriefaufs\u00e4tze\u201c) auch im Schulunterricht der Schriftform Vorzug vor m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungs- und Pr\u00e4sentationsformen gegeben wurde, best\u00e4tigte MICHAEL ROCHER (Halle) in seinem Vortrag \u00fcber die Aufsatzpraxis an verschiedenen h\u00f6heren Schulen in Mitteldeutschland (Dessau, Halle) sowie im Baltikum (Reval), wobei er insbesondere den p\u00e4dagogischen und sittlichen Mehrwert hervorhob, den Schulaufs\u00e4tze im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert erzielen sollten: Diese dienten keineswegs allein der Wissensabfrage bzw. -produktion, sondern verfolgten vor allem auch das Ziel der sittlich-moralischen Charakterbildung der Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Der anschlie\u00dfende Abendvortrag von JOHN A. Mc CARTHY (Vanderbilt University) situierte das Tagungsthema vor gr\u00f6\u00dferem Publikum in den gr\u00f6\u00dferen Rahmen der Entstehung des literarischen Essays im deutschsprachigen Raum und seines Durchbruchs in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung, wobei er einen weiten Bogen von Balthasar Graci\u00e1n und seinem deutschen Vermittler Thomasius \u00fcber die gro\u00dfen Essayisten von Lessing und Herder bis Kant und bis zu dem Gothaer Publizisten und Illuminaten Schack Hermann Ewald schlug. Auf der Suche nach den neuen Umgangsformen der Epoche im Spannungsfeld von Geheimhaltung und \u00d6ffentlichkeit, Vergesellschaftung und Kommunikation unter Abwesenden sei der Essay als Medium des Experiments und infolge seiner Agilit\u00e4t notwendig das zentrale Medium der Aufkl\u00e4rung geworden; keine andere Gattung und kein anderes Medium habe mehr Debatten und Reflexion herausfordern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die ersten beiden Vortr\u00e4ge des zweiten Tages beleuchteten die Entstehung des \u201eBesinnungsaufsatzes\u201c im 18. Jahrhundert von einer ganz anderen Seite: der Schreibkultur religi\u00f6ser (protestantischer) Gruppierungen, in denen Schriftlichkeit und \u2013 oft auf Anforderung der Gemeinschaft \u2013 verfasste Bekenntnisse ebenfalls eine herausragende Rolle spielten. Die Bedeutung des schriftlichen Austauschs f\u00fcr die Etablierung und den Fortbestand eines sich von England \u00fcber die Niederlande bis in das Alte Reich erstreckenden religi\u00f6sen Netzwerkes war das Thema von LUCINDA MARTIN (Erfurt\/Gotha): Die,,Philadalphier\u201c, eine radikalpietistische Gruppierung um die englische Mystikerin Jane Leade (1623-1704), verdankten den Erfolg ihrer Netzwerke einer umfangreichen Korrespondenz, anhand derer nicht nur religi\u00f6se Themenschwerpunkte sichtbar werden, sondern auch der bisher angenommene Prozess der Ausbreitung der Gruppe dahingehend revidiert werden muss, dass es sich hierbei nicht um einen einseitigen Transfer von Ideen und Glaubensinhalten handelte, sondern um einen komplexen, multipolaren Austausch. Auch f\u00fcr die Herrnhuter, deren Mitglieder ab 1735 in Pennsylvania siedelten, gewann eine institutionalisierte Schreibpraxis gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die Memoria und den Zusammenhalt der jeweiligen Gruppen. Im Mittelpunkt des Vortrags von BARBARA BECKER-CANTARINO (Ohio State University) standen vor allem die Lebensl\u00e4ufe bew\u00e4hrter Gemeindemitglieder, die als Orientierung f\u00fcr andere und als gemeinschaftsstabilisierendes Element in der kolonialen Situation dienen sollten, in denen aber die Autorinnen und Autoren auch Rechenschaft \u00fcber ihr eigenes Glaubensleben ablegten und dabei bestimmten Erwartungen gerecht werden mussten. Zugleich wurde auch hier die zunehmende Bedeutung von Schriftlichkeit im sp\u00e4teren 18. Jahrhundert deutlich.<\/p>\n<p>Die beiden anschlie\u00dfenden Vortr\u00e4ge befassten sich mit der zeitlich schon deutlich fr\u00fcher nachweisbaren Aufsatzpraxis wissenschaftlicher Akademien. Wie MARTIN URMANN (Berlin) zeigte, war diese Praxis insbesondere in Frankreich, wo nicht nur in Paris, sondern auch in der Provinz zahlreiche Akademien entstanden, bereits im 17. Jahrhundert sehr ausgepr\u00e4gt. \u00dcber 2000 Preisfragen generierten eine enorme Anzahl schriftlicher Einsendungen, bei denen nicht nur f\u00fchrende Gelehrte, sondern aufgrund der anonymen Teilnahme und der strikten Auswahlpraxis auch Praktiker und weniger Gebildete ausgezeichnet wurden. Zugleich waren die fr\u00fchen Akademien noch stark von M\u00fcndlichkeit gepr\u00e4gt, so wurden Korrespondenzen verlesen und Abhandlungen \u00fcblicherweise als \u201ediscours\u201c bezeichnet. Mit dem vielschichtigen Verh\u00e4ltnis von M\u00fcndlichkeit und Schriftlichkeit an naturforschenden Akademien um 1700 besch\u00e4ftigte sich auch der Vortrag von SEBASTIAN K\u00dcHN (Hannover). K\u00fchn hob hervor, dass entgegen dem Wahlspruch \u201enullius in verba\u201c auch bei naturwissenschaftlichen Experimenten die wahrheitsgenerierende sinnliche Wahrnehmung nicht auf die rein empirische Ausf\u00fchrung beschr\u00e4nkt war, sondern genauso auf der Praxis des Berichtens \u00fcber dieselbe basierte. Auch wenn die so entstandenen Berichte (oft Briefe bzw. Briefpassagen, die sp\u00e4ter als Aufs\u00e4tze betrachtet wurden) schriftlich verfertigt wurden, geschah deren Validierung doch h\u00e4ufig durch \u00f6ffentlichen m\u00fcndlichen Vortrag.<\/p>\n<p>OLAF SIMONS (Erfurt\/Gotha) widmete sich in seinem Vortrag den Preisfragen, die aus dem Illuminatenorden heraus \u00f6ffentlich vergeben wurden \u2013 ohne dass freilich die \u00d6ffentlichkeit oder die Preistr\u00e4ger Klarheit dar\u00fcber gewannen, welche Rolle hier Gothas Illuminaten spielten: sie setzten die Preisgelder aus und stellten Juroren. Die Untersuchung dieser Texte wirft neue Fragen zum Kern des Geheimbundes und dessen Praktiken des Wissensaustauschs auf. F\u00fcr Rudolf Zacharias Becker, der die Preisfragen \u00fcber seine Zeitschrift lancierte, war ein Preisgewinn vor Jahren zum produktiven Wendepunkt geworden. Es misslang ihm und dem Geheimorden jedoch, selbst eine Institution auf diesem Gebiet aufzubauen. Vieles spricht daf\u00fcr, dass der Orden es zu offensichtlich darauf anlegte, eine \u00f6ffentliche Schreibpraxis zu lenken. Dass die Praxis des Aufsatzschreibens im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert nicht auf gelehrte Journale und Institutionen beschr\u00e4nkt war, zeigte anschlie\u00dfend ANDREAS GOLOB (Graz) in seinem Vortrag \u00fcber multidisziplin\u00e4re Aufs\u00e4tze im Anhang der ,,Grazer Bauernzeitung\u201c (1786-1791). Golob interessierte sich insbesondere f\u00fcr die Praktiken hinter den Texten und stellte heraus, dass der Herausgeber der Zeitung, Ambros, unter anderem bei Frauen und Bauern der Umgebung Werbung machte, Aufs\u00e4tze zur Ver\u00f6ffentlichung in seinem Journal zu verfassen.<\/p>\n<p>Die folgenden Vortr\u00e4ge besch\u00e4ftigten sich mit der Aufsatzpraxis von Geheimgesellschaften. Zun\u00e4chst beleuchtete MARKUS MEUMANN (Erfurt\/Gotha) das widerspr\u00fcchliche Verh\u00e4ltnis von M\u00fcndlichkeit und Schriftlichkeit in der Freimaurerei: Auf die zunehmende Verschriftlichung von Statuten und Initiationstexten im Laufe des 18. Jahrhunderts reagierten die Logen mit zunehmender Geheimhaltung der \u201aeigentlichen\u2018 Logenarbeit. Gleichwohl wurden Logenreden seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auch vermehrt publiziert, wie Beispiele aus Halle und Berlin zeigen. Die Wiener Loge \u201eZur wahren Eintracht\u201c hielt in den 1780er-Jahren sogar ,,Uibungslogen\u201c ab, die auch \u201ebesuchenden Br\u00fcdern\u201c zug\u00e4nglich waren und in denen Vortr\u00e4ge zu freimaurerischen und anderen Themen gehalten wurden, die anschlie\u00dfend im logeneigenen \u201eJournal f\u00fcr Freymaurer\u201c publiziert wurden \u2013 eine bemerkenswerte Parallele zum Illuminatenorden, mit dem die Loge personell eng verbunden war. Auch die als Gegenspieler der Illuminaten betrachtete \u201ekonservative\u201c Geheimgesellschaft der Gold- und Rosenkreuzer kannte, wie RENKO GEFFARTH (Halle) zeigen konnte, ihrerseits eine verbreitete Praxis des Aufsatzschreibens. Diese stand hier vor allem im Zusammenhang der Selbsterforschung und -vervollkommnung der Ordensmitglieder mittels alchemischer Lekt\u00fcren und Experimente, wor\u00fcber die unteren Grade Berichte an ihre Oberen verfassten.<\/p>\n<p>Im zweiten Abendvortrag der Tagung er\u00f6ffnete MARTIN MULSOW (Erfurt\/Gotha) eine neue Perspektive auf die Entstehung der illuminatischen Wissensproduktion, in deren Zentrum die Frage nach dem Einfluss lokaler Gegebenheiten stand. So bestand in Gotha bis 1783 eine ,,Gemeinn\u00fctzige Privatgesellschaft\u201c, die ihre Aktivit\u00e4ten einen Monat vor der Gr\u00fcndung der Gothaer Minervalkirche \u2013 so der Name der illuminatischen Ortsgruppen \u2013 einstellte und sowohl hinsichtlich ihrer Mitglieder und F\u00fchrungspersonen als auch der Produktion von Aufs\u00e4tzen bemerkenswerte Kontinuit\u00e4t aufweist. Ob es sich dabei um reinen Zufall handelt oder ob die Elite der Gothaer Gesellschaft ihre Ziele lediglich unter einem anderen Dach verfolgte, ist eine offene Frage, die die Illuminatenforschung zuk\u00fcnftig zweifellos noch besch\u00e4ftigen wird.<\/p>\n<p>Die vier Vortr\u00e4ge des letzten Tages besch\u00e4ftigten sich dann mehr oder weniger exklusiv mit dem Illuminatenorden, wobei zun\u00e4chst die Bildung von Geist und K\u00f6rper innerhalb des Ordens im Spiegel seiner Aufsatzpraxis beleuchtet wurden. PEGGY PAWLOWSKI (Cambridge) f\u00fchrte dabei auf der Basis der Schriften des Ordensgr\u00fcnders Adam Weishaupt (1748-1830), aus, wie das Gradsystem und vor allem die wahrscheinlich aus der pietistischen Selbstpr\u00fcfungspraxis stammenden ,,Pensa\u201c \u2013 so die interne Bezeichnung f\u00fcr die von den Mitgliedern abzufassenden und ihren Ordensoberen vorzulegenden Aufs\u00e4tze \u2013 die Erreichung der illuminatischen Bildungsziele der Charakterbildung und \u2013vervollkommnung erwirken sollten. Einen anderen Aspekt der von Mitgliedern des Illuminatenordens verfassten Aufs\u00e4tze erhellte ANTHONY MAHLER (T\u00fcbingen) in der Pr\u00e4sentation seiner Forschungen zur Di\u00e4tetik in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung. Einige Mitglieder des Illuminatenordens, u.a. C.W. Hufeland (\u201eDie Kunst, das menschliche Leben zu verl\u00e4ngern\u201c, Jena 1797), schrieben Handb\u00fccher zum Thema Di\u00e4t und gesunde Lebensweise. Die Zweideutigkeit des Schl\u00fcsselwortes ,,M\u00e4\u00dfigung\u201c in Mahlers Vortrag, die zwischen \u201cDietetics\u201d und Moralphilosophie verortet war, f\u00fchrte zu einer lebhaften Diskussion.<\/p>\n<p>Die letzten beiden Vortr\u00e4ge wandten sich der Funktion von Aufs\u00e4tzen im Rahmen der illuminatischen Ordenshierarchie zu. Die Rolle der ,,unbekannten Oberen\u201c, die bis zum heutigen Tag die Fantasie von Verschw\u00f6rungstheoretikern befl\u00fcgelt, stand im Mittelpunkt des Vortrags von ANDREW McKENZIE-McHARG (Cambridge). Er erl\u00e4uterte, dass diese Figur keineswegs ausschlie\u00dflich dem Illuminatenorden zugeschrieben werden kann, sie bestand unter anderem zuvor bei der ,,Strikten Observanz\u201c. McKenzie-McHarg notierte dar\u00fcber hinaus, dass das Amt bei den Illuminaten keine monolithische Form besa\u00df. F\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten des Ordens \u2013 namentlich Adam Weishaupt, Adolph Freiherr von Knigge und Johann Joachim Christoph Bode \u2013 verk\u00f6rperten \u201eBasilius\u201c, das kollektive Pseudonym des unbekannten Oberen, im Verlauf der Ordensgeschichte mit unterschiedlichen Handlungsspielr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Die Konferenz beschloss REINHARD MARKNER (Innsbruck) mit der Vorstellung bislang nicht eindeutig verorteter Gradtexte der Illuminaten. Von Weishaupts erstem Impuls, zusammen mit seinen Studenten eine ,,Schule der Weisheit\u201c zu gr\u00fcnden, \u00fcber die \u201ePerfectibilisten\u201c bis zum \u201eIlluminatenorden\u201c und seinen letzten Phasen unter der Leitung J.J.C. Bodes befanden sich die Gradtexte in st\u00e4ndiger Entwicklung. Anhand der verworfenen Vorschl\u00e4ge sowie der angenommenen Ver\u00e4nderungen zeigte Markner die Heterogenit\u00e4t der Vorstellungen zwischen mystischen Bestrebungen und rein politischen Zielen auf. Weishaupt selbst lieferte dabei in den Gradtexten modellhafte Aufs\u00e4tze als Vorbilder f\u00fcr die Schreibpraxis des Ordens.<\/p>\n<p><b>Konferenz\u00fcbersicht:<\/b><\/p>\n<p>Markus Meumann, Olaf Simons (beide Erfurt\/Gotha): Begr\u00fc\u00dfung und Vorstellung des Gothaer DFG-Projekts \u201eIlluminatenaufs\u00e4tze im Kontext der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung: Ein unbekanntes Quellenkorpus\u201c sowie der \u201eGothaer Illuminaten-Enzyklop\u00e4die Online\u201c<\/p>\n<p>Jens Nagel (Erfurt\/Gotha) : \u201eCum Quinque Discipuli vale ultimum essent dicturi.\u201c Schulrhetorik an Gymnasien der Fr\u00fchen Neuzeit (Eisenach 1708-1713)<\/p>\n<p>Michael Rocher (Halle): ,,Flei\u00df ist halbe Tugend schon: Liebet ihn, herzlich ist sein Lohn.\u201c Sch\u00fclerarbeiten als moralische Charakterbildung am Ende des 18. Jahrhundert<\/p>\n<p>(Abendvortrag) John A. McCarthy(Vanderbilt Univ.): Denken, schreiben, lesen, ethisch handeln. Quellen und Kontext der Essayistik der Illuminaten<\/p>\n<p>Lucinda Martin (Erfurt\/Gotha): Conformity in Nonconformity: Letters in radical Pietist \u201cPhiladelphian\u2019\u2019 networks<\/p>\n<p>Barbara Becker-Cantarino (Ohio State Univ.): Rechenschaft und Kontrolle: Herrnhuter Lebensl\u00e4ufe aus der ,,Indianermission\u201c in Nordamerika ca. 1750-1800<\/p>\n<p>Martin Urmann (Berlin): Zwischen ,,prix de d\u00e9votion\u2018\u2018, Wissensreflektion und Reformdiskurs. Die Preisfragen als literarisch-epistemische Gattung an den franz\u00f6sischen Akademien seit 1670 und die Frage nach dem ,,Jugement du public\u201c an der Akademie von Besan\u00e7on<\/p>\n<p>Sebastian K\u00fchn (Hannover): Feder \u2013 Mund \u2013 Auge \u2013 Ohr. Soziale und epistemische Logiken von Aufs\u00e4tzen in den naturforschenden Akademien um 1700<\/p>\n<p>Olaf Simons (Erfurt\/Gotha): Der Illuminatenorden als geheimer Preisrichter: Rudolf Zacharias Beckers \u00f6ffentliche Preisfragen<\/p>\n<p>Andreas Golob (Graz): Paratextuelle Einblicke in die Entstehungsbedingungen der multidisziplin\u00e4ren Aufs\u00e4tze im Anhang der Grazer Bauernzeitung<\/p>\n<p>Markus Meumann (Erfurt\/Gotha): ,,Uibungslogen\u2018\u2018 Zur Praxis des Sprechens und Schreibens \u00fcber vorgegebene Themen in der Freimaurerei<\/p>\n<p>Renko Geffarth (Halle): ,,&#8230;.es sey be\u00dfer aus seiner eigenen Quelle zu sch\u00f6pfen, u. sich der Deutlichkeit zu beflei\u00dfigen, u. niemals suchen R\u00e4thsel durch R\u00e4thsel zu erkl\u00e4ren\u2018\u2018 \u2013 Aufs\u00e4tze bei den Gold \u2013 und Rosenkreuzern<\/p>\n<p>(Abendvortrag) Martin Mulsow (Erfurt\/Gotha): Die Gothaer Illuminaten als fortgef\u00fchrte ,,gemeinn\u00fctzige Privatgesellschaft\u2018\u2018? Die Aufsatzpraxis der Gothaer Soziet\u00e4t von 1778 und die Minervalkirche von 1783-87<\/p>\n<p>Peggy Pawlowski (Cambridge): Das illuminatische Pensum<\/p>\n<p>Anthony Mahler (T\u00fcbingen): Essaying the Body: Illuminati Self-Writing Dietetic Technology<\/p>\n<p>Andrew McKenzie-McHarg (Cambridge): Invisble Educators: The Role of the Unknown Superiors in the Illuminati Order<\/p>\n<p>Reinhard Markner (Innsbruck): Unbekannte Gradtexte der Illuminaten<\/p>\n<div id=\"hfn-item-citation\">\n<p>Zuerst erschienen in:<\/p>\n<div>Tagungsbericht: Aufs\u00e4tze als Medien der Charakterbildung und Menschenf\u00fchrung in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung, 25.06.2015 \u2013 27.06.2015 Gotha, in: H-Soz-Kult, 20.11.2015, <a href=\"http:\/\/www.hsozkult.de\/conferencereport\/id\/tagungsberichte-6247\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&lt;http:\/\/www.hsozkult.de\/conferencereport\/id\/tagungsberichte-6247&gt;<\/a><\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Robert Heindl \/ Lorenza Castella, Forschungszentrum Gotha Vom 25. bis 27. Juni 2015 luden MARKUS MEUMANN und OLAF SIMONS (beide Erfurt\/Gotha) im Rahmen des von ihnen bearbeiteten DFG-Projekts \u201eIlluminatenaufs\u00e4tze im Kontext der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung\u201c zur Tagung \u201eAufs\u00e4tze als Medien der Charakterbildung und Menschenf\u00fchrung in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung\u201c an das Forschungszentrum Gotha der Universit\u00e4t Erfurt ein. Ziel &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/archives\/737\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eTagungsbericht: Aufs\u00e4tze als Medien der Charakterbildung und Menschenf\u00fchrung in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":741,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[35,171],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/737"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=737"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/737\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2609,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/737\/revisions\/2609"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/741"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=737"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=737"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gotha3.de\/forschungsblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=737"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}