Wissen des Herrn, Wissen für den Herrn – naturkundliche Wissenshorizonte des europäischen Mittelalters

Vortrag von Prof. Dr. Jan Hirschbiegel (Kiel) im Rahmen der Vortragsreihe „Zwischen Wunderkammer und Wirtshaus. Topographien naturkundlichen Wissens am Hof und in der Stadt“, Mittwoch, 6.6.2018, Campus Erfurt, LG 4, DG 02.

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hat der Franziskaner Bartholomaeus Anglicus in Magdeburg das enzyklopädische Werk De proprietatibus rerum geschaffen. Behandelt werden in freilich bibelexegetischer Absicht in 19 Büchern neben anderem medizinische Fragen, gegeben werden Ausführungen zu den Himmelskörpern und zur Zeit und ihrer Rechnung, erörtert werden die Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde mit Steinen, Metallen, Pflanzen und Tieren, besprochen werden Farben, Gerüche und Töne, schließlich auch mathematische Themen.

Im Auftrag des französischen Königs Karl V. fertigte der Augustiner Jean Corbichon 1372 eine bebilderte Übersetzung der Schrift, die auch Eingang fand in die königliche Bibliothek im Falkenturm des Louvre. Denn neben Kirche, Kloster und Schule, Stadt und Universität war der mittelalterliche Hof mit seiner Orientierung auf den jeweiligen Herrn und die mit ihm verbundene Dynastie rsp. Familie einer der stets entsprechend spezifisch profilierten zentralen sozialen Orte von Generierung und Konservierung, Transfer und Austausch von Wissen.

Ausdruck gefunden hat diese an die je zeitbedingt und herrschaftsbezogen verschiedenen Repräsentationshorizonte der höfischen Kultur gebundene Wissenskultur unter anderem in der jeweils zeitgenössisch determinierten Rezeption und Produktion wissensvermittelnden Schrifttums, bestimmt von herrschaftlichen und herrscherlichen Interessen und Kompetenzen, bedient von den unterschiedlichsten Schöpfern, Trägern und Vermittlern von Wissen, nicht selten entlang mäzenatisch-personal geprägter Beziehungslinien. Im Vortrag sollen vor diesem Hintergrund und auf dieser Grundlage exemplarisch naturkundliche Wissensbestände der mittelalterlichen höfischen Gesellschaft skizziert werden, sichtbar in den überlieferten, häufig illuminierten Handschriften selbst, Handschriftenverzeichnissen und Inventaren.

Beitragsbild: Boucicaut-Meister, Edelsteinhändler, aus: Bartholomaeus Anglicus, De Proprietatibus Rerum, übers. v. Jean Corbichon, 1. Viertel des 15. Jahrhunderts, Bibliothèque nationale de France, ms.fr. 9141, fol. 235v, http://mandragore.bnf.fr © Bibliothèque nationale de France

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