Quadratisch – praktisch – unbekannt. Geschnittene Steine in Kunst- und Naturalienkabinetten

Workshop des Sammlungs- und Forschungsverbunds
„Quadratisch – praktisch – unbekannt. Geschnittene Steine in Kunst- und Naturalienkabinetten“
5.-7.9.2018
Forschungszentrum Gotha, Vortragssaal im Landschaftshaus, Schlossberg 2, 99867 Gotha

Der von der VolkswagenStiftung geförderte Workshop des Sammlungs- und Forschungsverbunds Gotha befasst sich im Rahmen des Forschungsprojekts „Gotha um 1800. Natur – Wissenschaft – Geschichte“ mit der Ästhetik, Materialität und Epistemologie eines mineralogisch-petrographischen Sammlungsgegenstands: der Mustertäfelchensammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts.

In vielen naturkundlichen Sammlungen, deren Ursprünge in das 18. Jahrhundert zurückreichen, findet sich diese Objektgruppe, die mit den Begriffen Muster-, Marmor-, Achat- oder Gesteinstäfelchen nur unzureichend charakterisiert wird. Im englischen Sprachraum und in der Kunstgeschichte hat sich für diese Objekte der Begriff „specimen marbels“ etabliert, obwohl auch dies nicht treffend ist. Denn es sind nicht nur Marmore, sondern auch alle anderen Arten von farbigen Gesteinen und Mineralen, die damit bezeichnet werden. Den Objekten ist gemeinsam, dass sie in rechteckiger, meist quadratischer Form von wenigen Zentimetern Seitenlänge geschnitten und von einer Seite poliert sind. In der Verbindung von äußerlicher Gleichförmigkeit und farbiger Verschiedenheit besitzen sie eine ganz eigene Ästhetik.

Die Anfänge der Mustertäfelchen liegen im Steinschneidegewerbe Norditaliens, das sich auf eine bis in die Antike zurückreichende Tradition gründet. Zuerst standen die ökonomischen Interessen der Hersteller im Vordergrund, die sich mit der werbewirksamen Streuung kleinformatiger Muster größere Aufträge erhofften. Zugleich fungierten die handlichen Steinplättchen als beliebtes Souvenir europäischer Bildungsreisender, die sie auf ihrer Grand Tour erwarben und in ihre Sammlungen einfügten. Neben den Mustertäfelchen aus dem Mittelmeerraum finden sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts ähnlich gearbeitete Suiten aus Werkstätten nördlich der Alpen, besonders aus Regionen mit eigenen Vorkommen von Halbedel- und Naturwerksteinen. So nahm die Verarbeitung von Achat, Jaspis, Amethyst und Bergkristall in der Umgebung von Idar-Oberstein ihren Anfang, die Steinschneidewerkstätten für Serpentin konzentrierten sich im erzgebirgischen Zöblitz, und die Herstellung von Objekten aus Buntmarmoren konzentrierte sich in Franken, Oberbayern und dem Salzburger Land. Die Liebhaber der Objekte sammelten diese nicht eigenhändig, sondern erwarben ein ästhetisch gefälliges, seriell gefertigtes Produkt, dem der wissenschaftliche Kommentar meist beigegeben war. Die Kommodifizierung wurde noch gesteigert, wenn eine Miniaturisierung der Gesteinstäfelchen erfolgte, um kunstvolle Einlegearbeiten zu schaffen, wie die Preziosen in Form von Tabatieren und Ringsteinkabinetten zeigen.

Der Workshop will eine Kontextualisierung dieser Objekte vornehmen und auf diese Weise deren einheitliche Ansprache interdisziplinär verankern. Darüber hinaus werden ihre digitale Verzeichnung und der Austausch zwischen Museumsdatenbanken und Netzportalen thematisiert. Die Veranstaltung wendet sich an Kolleginnen und Kollegen aus Geologie, Archäologie, Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte, Museologie und Informationswissenschaft sowie an kulturhistorisch Interessierte, die miteinander ins Gespräch kommen möchten.

Programm ( PDF zum Download)

Mittwoch, 5. September 2018

13.00 Uhr I Begrüßung

13.10 Uhr I Carsten Eckert & Julia Schmidt-Funke (Gotha)
Einführung

13.30 Uhr I Gerhard Heide (Freiberg)
Sammelsurium oder wissenschaftliche Sammlungen?

Sektion 1: Boden und Schätze – Steine in fürstlichen Kunst- und Naturalienkammern

14.30 Uhr I Ralf Schmidt (Suhl/Schleusingen)
Mustertafel-Suiten von Dekorgesteinen in der Sammlung des Meininger Herzogs Anton Ulrich

15.10 Uhr I Michael Wagner (Dresden)
Die Steinkabinettsammlung von Heinrich Taddel im Grünen Gewölbe zu Dresden

15.50 Uhr I Eckhard Mönnig (Coburg)
Mustertäfelchen aus den Naturalienkabinett der Coburger Herzöge

16.30 Uhr I Kaffeepause

17.00 Uhr I Christoph Merzenich (Erfurt)
Commesso-Mosaiken aus Schloss Friedenstein in Gotha. Eine Anregung zu interdisziplinärer Forschung

17.40 Uhr I Rainer Werthmann & Cornelia Kurz (Kassel)
„Ein Tischblatt mit eingelegten Marmor Mustern“ vom Forum Romanum und der Steinschnitt in Kassel

ab 19.00 Uhr I Gemeinsames Abendessen

Donnerstag, 6. September 2018
Sektion 2: Ästhetik und Erkenntnis – Das Objekt zwischen Kunst und Wissenschaft

9.00 Uhr I Gisela Maul & Thomas Schmuck (Weimar)
Die Suiten geschliffener Steine und Marmore aus Italien in Goethes Sammlung

9.40 Uhr I Cettina Rapisarda (Berlin)
Alexander von Humboldts Römische Marmorsammlung im Kontext von Traditionen der Italienreise

10.20 Uhr I Kaffeepause

10.50 Uhr I Kathrin Polenz (Jena)
Farben, Karten, KeferStein. Der geognostische Atlas von Christian Keferstein

11.30 Uhr I Nadine Schäfer (Göttingen)
Natursteine im Academischen Museum der Universität Göttingen – eine Spurensuche

12.10 Uhr I Birgit Kreher-Hartmann (Jena)
„Die große Welt in kleinen Tafeln“ – Neuentdecktes aus der Mineralogischen Sammlung Jena

12.50 Uhr I Mittagspause

14.00 Uhr I Uta Wallenstein & Carsten Eckert (Gotha)
Führung in die Ausstellung „Gotha VorBildlich. Modellsammlungen um 1800“  im Herzoglichen Museum

15.00 Uhr I Kaffeepause
Kaffeepause

Sektion 3: Kunst und Handwerk – Geschnittene Steine im Interieur

15.40 Uhr I Stefan Meier (Marktredwitz)
Bayreuther Marmor – Vorkommen, Verarbeitung, Anwendungsbeispiele

16.20 Uhr I Ulf Kempe (Freiberg)
Zwei klassizistische Sammlungstische in Schloss Mosigkau bei Dessau als Beispiele der späten sächsischen Steinkabinettskunst

17.00 Uhr I Claudia Sommer (Potsdam)
„en karo“ – Gesteinsmusterplatten in den preußischen Königsschlössern

17.40 Uhr I Stefan Klappenbach (Potsdam)
Demonstration des historischen Steinschnitts an Sägebock und Bogensäge

Freitag, 7. September 2018
Sektion 4: Suchen und Finden ¬– Die Sammlungen in Datenbanken und Webportalen

9.00 Uhr I Jan-Michael Lange (Dresden)
AQUiLAgeo – Eine geowissenschaftliche Datenbank in Entwicklung

9.40 Uhr I Frank Dührkohp (Göttingen)
Für Forschung und Lehre – Informationstechnische Basis der Sammlungserfassung am Beispiel Göttingen

10.20 Uhr I Kaffeepause

10.50 Uhr I Jens Lill (Konstanz)
IMDAS-Pro in Transformation – Wie aus einer Inventarisierungssoftware eine digitale Plattform werden kann

11.30 Uhr I Falko Glöckler (Berlin)
Mobilisierung von geowissenschaftlichen Daten in GeoCASe

12.10 Uhr I Abschlussdiskussion

13.45 Uhr I Exkursion nach Schnepfenthal
Abfahrt Myconius-Platz 13.48 Uhr,
Ankunft Schnepfenthal 14.19 Uhr
Führung im historischen Naturalienkabinett
der Salzmann-Schule
Organisation: Ute Däberitz (Gotha)

ca. 18 Uhr | Ende der Veranstaltung
Individuelle Abreise

Der Eintritt zu den Vorträgen ist frei. Wir bitten um Anmeldung bis zum 31. August 2018 unter der E-Mail: eckert@stiftung-friedenstein.de

Kontakt
Dipl.-Geol. Carsten Eckert
Sammlungs- und Forschungsverbund Gotha
Stiftung Schloss Friedenstein Gotha
Tel.: +49(0)361/8234 331
Mail: eckert@stiftung-friedenstein.de

PD Dr. Julia A. Schmidt-Funke
Sammlungs- und Forschungsverbund Gotha
Wissenschaftliche Koordinatorin
Schloss Friedenstein – Pagenhaus
Tel.: +49 (0)361/737-1601
Mail: julia.schmidt-funke@uni-erfurt.de

Beitragsbild: Mustertäfelchen aus der geowissenschaftlichen Sammlung des Museums der Natur Gotha © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

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