10.7.2017: Falsche Prinzessinnen, Scharlatane und selbsternannte Experten. Hochstapler in neuzeitlichen Gesellschaften

Internationale Tagung anlässlich des 3. Alumnitreffens des Herzog-Ernst-Stipendienprogramms der Fritz Thyssen Stiftung
Hochstapler (und seltener auch Hochstaplerinnen) sind ein wahrscheinlich in fast allen historischen Epochen vorkommendes Phänomen, in dem schlaglichtartig die impliziten handlungs- und verhaltensleitenden Normen, Regeln und Erwartungshaltungen einer jeweiligen Gesellschaft sichtbar werden. Allerdings darf vermutet werden, dass die Häufigkeit dieser Fälle im Laufe der Neuzeit zunimmt, wofür nicht nur die bessere Dokumentation und Überlieferung verantwortlich sein dürften, sondern auch bestimmte mit der Neuzeit verbundene strukturelle und mediale Veränderungen namentlich auf dem Gebiet der Zirkulation von Nachrichten, Personen und Waren, kurz: das für die Neuzeit konstitutive komplexe Wechselverhältnis einer zugleich (geographisch wie wissensbezogen) größer werdenden wie auch enger zusammenrückenden und damit virtuell kleiner werdenden Welt mitsamt der dazugehörigen jeweiligen „Modeerscheinungen“.

Hochstapler spiegeln insoweit mit dem von ihnen vorgegebenen sozialen Status und den damit verbundenen Sachverhalten immer auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse und den Wandel von Wissensordnungen.

Die kultur- und wissensgeschichtliche Beschäftigung mit dem Phänomen des Hochstaplers (bzw. der Hochstaplerin) erscheint daher besonders geeignet, um an exemplarischen Einzelfällen das soziale Funktionieren historischer Gesellschaften und deren Wandel sichtbar zu machen, indem sie die jeder Gesellschaft innewohnenden impliziten Normen und Verhaltensregeln durch den Betrugsfall bzw. die mit dessen schlussendlicher Aufdeckung verbundene Benennung und Sichtbarmachung der vom Betrüger ebenso virtuos genutzten wie durch die Vorspiegelung falscher Tatsachen missbrauchten Regeln und Erwartungshaltungen explizit werden lassen.

Tagungsprogramm


Imposters are a phenomenon probably present in almost all historical epochs, in which the implicit norms, rules and expectations of behavior of a particular society are apparent. In any case, it can be presumed that the prevalence of these cases increased in the course of the modern era, a development for which not only better documentation and transmission are responsible, but also certain structural and media changes, associated with modernity, in particular in the circulation of news, people, and goods, in other words, modernity’s complex constitutive interrelationship between an expanding world, both geographically and in terms of knowledge, and one seemingly becoming smaller and more interconnected with regard to contemporary trends.

In this respect, imposters, with their feigned social status and associated matters, reflected the processes of changes in society and the orders of knowledge.

The concern of cultural and intellectual history with the phenomenon of imposters thus seems especially suited to utilize illuminating case studies to make visible, through cases of fraud, a past society’s social functions and changes. Every society has implicit norms and rules of behavior, and through the eventual uncovering of the imposter, in addition to the false facts, broken rules, and expectations of behavior that he or she was purporting, these can be made explicit.

Programm

Montag, 10. Juli 2017

  • 18.00-19.30 Tagungseröffnung
  • Begrüßung: Martin Mulsow, Iris Schröder (Erfurt/Gotha)
    Grußworte
  • Eröffnungsvortrag: Irina Podgorny (Buenos Aires)
    Scharlatan-Netzwerke: Die unglaubliche Geschichte von der einfältigen Sultanin Deldir und ihrem Commandatore Bennati
  • anschließend Empfang

Dienstag, 11. Juli 2017

9.00-9.15 Einführung in das Tagungsthema: Iris Schröder, Markus Meumann (Gotha)

9.15- 12.45 Sektion 1: Hochstapeln als soziale, politische und intellektuelle Praxis in der Frühen Neuzeit (Moderation: Martin Mulsow)

  • Marie Ryantová (Ceské Budejovice)
    Der Exulant Georg Holik: Dominikaner, Konvertit, Prediger, Gärtner – und auch Hochstapler?
  • Reinhard Markner (Innsbruck)
    „Ein paar Tröpflein aus dem Brunnen der Wahrheit“ (1781). Eine Schrift gegen Cagliostro und ihre Autoren

10.45-11.15 Pause

  • Pablo Toribio (Madrid)
    Radical Receptions of Forgery: the last descendant of David, Annio da Viterbo and Martin Seidel
  • Bernhard Schirg (Gotha): Convenient discoveries: forgeries of manuscripts and artifacts in the service of the Swedish Empire (c. 1650-1720)

12.45-14.30 Mittagspause

14.30-16.00 Führung durch die Kasematten von Schloss Friedenstein

16.00-16.30 Pause

16.30-18.30 Sektion 2: Fremde Potentaten oder betrügerische Bettler? Exotische Hochstapler in der Frühen Neuzeit (Moderation: Markus Meumann)

  • Stefano Saracino (Hamburg/Wien)
    Griechisch-orthodoxe Almosenfahrer aus dem Osmanischen Reich im Heiligen Römischen Reich (1660-1740): Wissensquellen, Wohltäter, Betrüger
  • Tobias Möricke (Erfurt/Gotha)
    Der Prinz vom Berg Libanon. Die Reise des Spaada Habaisci (1725-1728) als Wissensgeschichte einer Höflichkeitslüge
  • Lionel Laborie (Leiden) und Olaf Simons (Gotha)
    The resourceful „Count de Linange“: King of Madagaskar, Grand Admiral of the Theocracy and global trading strategist

Mittwoch, 12. Juli 2017

9.00-11.00 Sektion 3: Falsche Forscher, selbsternannte Entdecker und Scharlatane im 19. und 20. Jahrhundert (Moderation: Iris Schröder)

  • Michael Pesek (Hamburg)
    Unter Verdacht. Das Verhältnis von Geografen und Forschungsreisenden im 19. Jahrhundert
  • Ines Eben v. Racknitz (Berlin/Nanjing)
    Die Erforschung der Erde in der Hochstapelei: Phantasiebericht und Wissenschaftlichkeit am Beispiel des Theodor Mundt-Lauff
  • Brice Kouakap Ndjeutcham (Dschang, Kamerun)
    Vom Christentum zur Hochstapelei: Falsche Pfarrer und Propheten in Afrika im 20. Jahrhundert. Der Fall Kamerun

11.00-11.30 Pause

11.30 – 13.00 Sektion 4: Hochstapelei in Literatur und Theorie (Moderation: N.N.)

  • Tilman Venzl (Stuttgart)
    (K)ein militärischer Hochstapler! Zu Carl Zuckmayers Hauptmann von Köpenick
  • Iveta Leitane (Riga/Tallinn)
    Semiotische Modelle der Hochstapelei aus der Sicht der Tartu-Schule

13.00-13.30 Schlussdiskussion

Kontakt

Markus Meumann
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt
Schloss Friedenstein, D-99867 Gotha
+49(0)361/737-1702
+49(0)361/737-1709
markus.meumann@uni-erfurt.de

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