Relevant, mit System. Geschichte schreiben im Ausnahmezustand

Von Timo Bonengel

Als vor einigen Wochen das öffentliche Leben drastisch heruntergefahren und das eigene Leben für viele plötzlich äußerst surreal wurde, war schnell klar, dass es in manchen Bereichen trotz allem unvermindert weitergehen muss: Medizinische Versorgung, Polizei, Supermärkte, Paket- und Lieferdienste sind „systemrelevant“. Während ich also ins Homeoffice zog und mich fragte, wie viel ich als wissenschaftlicher Koordinator in den kommenden Monaten überhaupt noch zu koordinieren haben würde – was etwa die Planung von Vorträgen und einer Sommerschule angeht –, mussten Briefträger*innen, Supermarktangestellte, Ärzt*innen und andere Berufsgruppen ohne große Zeit zum Nachdenken plötzlich eher noch mehr arbeiten als zuvor.

Aus der selbstbezogenen Frage „Was ist mit mir?“ (der ich offiziell nicht „systemrelevant“ bin) wurde schnell die Frage, was der aktuelle Ausnahmezustand, was die Unterscheidung zwischen „systemrelevant“ und „nicht systemrelevant“ eigentlich für die Geistes- und Kulturwissenschaften, speziell die Geschichtswissenschaft, bedeutet. Dies wird, so viel vorab, kein Text mit theoretischen Überlegungen zum Ausnahmezustand, wie ihn der italienische Philosoph Giorgio Agamben definiert – diese Debatte wird gerade anderswo geführt. Und dieser Beitrag ist erst recht kein beleidigtes Plädoyer, mit dem ich versuche, Historiker*innen in einen Relevanz-Wettbewerb mit Ärzt*innen, Kassierer*innen, Busfahrer*innen oder Paketbot*innen einzubringen; denn natürlich ist völlig klar, dass in einer akuten Bedrohungslage der Bedarf an medizinischen Leistungen und der alltäglichen Grundversorgung drängender ist als der Bedarf an geisteswissenschaftlicher Forschung.

Stattdessen möchte ich erklären, wieso ich glaube, dass der Begriff der Systemrelevanz (mit dem aktuell auch Kulturschaffende ausgeschlossen werden) für das, was gemeint ist, falsch gewählt ist. Und ich möchte, mit ein paar Gedanken zu den Gothaer Einrichtungen im Schnittfeld zwischen Wissenschaft, Kultur und Bildung, zeigen, wieso Historiker*innen und Geschichte eben doch relevant sind, nicht nur für das, sondern auch mit System.

All jene, die in Arztpraxen und Krankenhäusern, in Behörden, in den Rettungsdiensten, aber auch in Supermärkten und im öffentlichen Nahverkehr arbeiten, sind schon für das kurzfristige alltägliche Funktionieren der Gesellschaft unabdingbar. Dasselbe gilt freilich nicht für Historiker*innen. Aber der Begriff der Systemrelevanz umfasst eigentlich mehr als diese existenzielle Grundsicherung: Denn das System, das hier gemeint ist – Gesellschaft und politische Ordnung – wird gerade mittel- und langfristig nicht nur durch für das bloße Überleben notwendige Prozesse erhalten. Dafür braucht es den öffentlichen Diskurs, der durch Kultur und (Geschichts-)Wissenschaft maßgeblich informiert, bereichert und als reflexive demokratische Debatte überhaupt erst ermöglicht wird.

Schloss Friedenstein Gotha. Foto: Stefan C. Hoja, Creative Commons

Auch in Gotha, diesem Mikrokosmos, der, anders als man es als Außenstehende*r vielleicht zuerst vermuten würde, ein unglaublich vielseitiger Ort von Wissensbeständen und Wissensproduktion zur Geschichte von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert ist, wird das deutlich: Nicht nur lagern hier einzigartig vielfältige Bestände, von geologischen Sammlungen über Exponate von Afrikareisen zur Zeit des Kolonialismus, Texte zur Geschichte von Philosophie, Aufklärung und Protestantismus in Europa und Gemälde, bis hin zu geographischen Karten von verschiedenen Weltregionen, die im 19. Jahrhundert wichtige Voraussetzungen und Ergebnisse des globalen Verkehrs von Wissen, Waren und Menschen waren.

Diese Bestände werden auch ständig von Wissenschaftler*innen, von Historiker*innen, Kunsthistoriker*innen, Literaturwissenschaftler*innen und Philosoph*innen erforscht und dieses so gewonnene Wissen über vergangene Kulturen und gesellschaftliche Ordnungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: etwa zur Philosophie- und Ideengeschichte, zu höfischen Kulturen in der Frühen Neuzeit, oder zum Kolonialismus seit dem 19. Jahrhundert. Aufbereitet wird all das in den Museen der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, in öffentlichen Vorträgen, in Publikationen, in Sonderausstellungen, in der lokalen Presse und im Feuilleton. Oder in der geschichtsdidaktischen Arbeit, wie sie die Forschungsbibliothek Gotha mit Schulklassen durchführt. Oder in der (Aus-)Bildung von angehenden Geschichtslehrer*innen an der Universität Erfurt, wo Gothaer Forscher*innen in der Lehre aktiv sind.

Können wir langfristig ein reflektiertes, wissensbasiertes Miteinander sichern, ohne dass Historiker*innen systematisch unsere Vergangenheit in all ihren Facetten erforschen? Und dieses Wissen, ebenso systematisiert und mit Methode aufbereiten, in öffentliche Debatten, ins kulturelle Leben und in die Bildungssysteme einspeisen? Diese Frage ist rhetorisch, denn sie mit „ja“ zu beantworten erschiene mir abwegig – mittel- und langfristig ist auch die Geschichtswissenschaft systemrelevant.

Keine Option: Selbstisolation im Elfenbeinturm. Rembrandt van Rijn, „Der Philosoph“, 1633, Louvre.

Das bedeutet nun nicht, dass sich Geisteswissenschaftler*innen beziehungsweise Historiker*innen darauf ausruhen und sich selbstgenügsam ihren Forschungen widmen können, mit dem Hinweis, dass die eigene Relevanz selbstverständlich sei. Wir müssen den momentanen Ausnahmezustand dazu nutzen, endlich eine Debatte zu führen, die in der Geschichtswissenschaft überfällig ist: Welche gesellschaftliche Bedeutung kommt der Disziplin im 21. Jahrhundert zu? Wie schaffen wir es, unsere Erkenntnisse noch besser der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln? Und sind wir nicht auch selbst verantwortlich dafür, ob wir gesellschaftlich als relevant wahrgenommen werden? Systematische, kritische und selbstreflexive Forschung zur Vergangenheit ist das, was wir liefern können – das ist in diesen postfaktisch erscheinenden Zeiten alles andere als irrelevant.

Dabei zeigt sich auch am Beispiel von Gotha, dass die Voraussetzungen für die Geistes- und Geschichtswissenschaften eigentlich bestehen, selbstbewusst ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten: Es ist gerade die Fähigkeit, sich in Krisenzeiten nicht statisch zu verhalten, sondern von der Gegenwart inspiriert geschickt gewendete Fragen an die Vergangenheit zu stellen, kreativ das Randständige in den Mittelpunkt zu rücken, größere Bedeutungszusammenhänge am Kleinen, Kuriosen aufzuzeigen, das Unerwartete zu untersuchen und durch Transparenz und Selbstreflexivität die eigenen Methoden und Recherchewege systematisch offenzulegen.

Die Beiträge auf diesem Blog und bei den Kolleg*innen von der Forschungsbibliothek entstehen gerade spontan, im Ausnahmezustand. Sie zeigen, dass es eine Stärke von Historiker*innen ist, flexibel auf neue Entwicklungen zu reagieren, die eigene Forschung unter aktuellen Vorzeichen (neu) zu deuten, dabei deutlich zu machen, wie sie zu ihren Ergebnissen gelangen, und diese auf Systematik beruhenden Gedanken für die Öffentlichkeit aufzubereiten, etwa in kurzen, prägnanten Blogbeiträgen oder mit anderen kreativen Mitteln der Wissenschaftskommunikation.

Auch unter erschwerten Bedingungen arbeiten momentan in Gotha Kolleginnen und Kollegen weiter an ihren verschiedenen Projekten: etwa zur hochaktuellen Frage nach dem Klima in historischer Perspektive beziehungsweise der Geschichte der Meteorologie; oder daran, digitale Infrastrukturen für das Forschungsdatenmanagement aufzubauen und zu verbessern; auch die digitale Zugänglichkeit von Quellen und von Forschungsergebnissen im Gotha-Portal zu ermöglichen gehört zu den Arbeiten, die im Hintergrund unvermindert weitergehen.

Wenn wir selbstkritisch bleiben und gesellschaftliche Relevanz nicht als entweder selbstverständlich gegeben oder als unzumutbaren Anspruch betrachten, kann die Geschichtswissenschaft gestärkt aus der Krise hervorgehen. Deshalb können trotz der schwierigen Situation alle, die gerade im Ausnahmezustand Geschichte schreiben, durchaus selbstbewusst und optimistisch sein. Sie sind relevant, mit System.

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